Begegnungen

Begegnungen

Gundula Schulze Eldowy und Cindy Sherman, 1996 aus: „MANGOBLÜTE“ 

Cindy Sherman

Sie war ganz anders als die Rollen, die sie spielte.
Fotografen sind selten am Heimatort anzutreffen, weshalb ich Cindy Sherman nicht in New York, sondern in Tokyo traf. Sie stammt aus New Jersey. Ihre Fotos prägten eine gewisse Vorstellung von ihr als Person, doch Cindy Sherman hatte überhaupt nichts von den Personen an sich, die sie auf ihren Bildern verkörperte. Ihr fehlte das Übertriebene ihrer Figuren. Bei ihrem Anblick begriff ich, daß sie das Gegenteil war. Sie machte sich lustig über ihre Figuren, die Archetypen des Alltags stilisieren von der gelangweilten Hausfrau bis zum ….Es mögen auch Seiten ihrer selbst dabei zum Tragen gekommen sein, ähnlich wie bei Schauspielern, doch waren es Rollen. Diese Figuren waren nur Teile von ihr. Nichts das Ganze. Cindy Sherman life zu erleben, war das Ganze kennenzulernen, die Summe all ihrer Rollen und Figuren. Ihre Ausstrahlung hatte etwas Sanftes, Zurückhaltendes, Liebenswürdiges. Sie wirkte eher unauffällig. Keine Spur von Eitelkeit. Ich hatte das Gefühl, einer großen Frau zu begegnen, die darauf verzichtete, sich zur Schau zu stellen. In Tokyo wurden ihre Bilder 1996 im Museum für zeitgenössische Kunst in einer großen Retrospektive gezeigt. Zur Eröffnung  stand sie allein im Raum. Niemand war an ihrer Seite. Sie stand allein da und verkörperte sich selbst. Die Japaner trauten sich nicht, sie anzusprechen; sie sind scheu und sprechen kaum Englisch. Ursprünglich war ich zur Verleihung des Higashikawa Foto Fiesta Preises, dem Oscar der japanischen Fotografie, nach Japan gekommen. Ich hatte ihn für meine Fotoserie Der große und der kleine Schritt gewonnen. Mit dem Preisgeld in der Tasche fuhr ich durchs ganze Land bis ich eines Tages neben Cindy Sherman stand. Es war das natürlichste von der Welt, sie anzusprechen. Wir fühlten uns verbunden und verbrachten einen ganzen Abend miteinander. In der Nacht verließ ich sie und sah sie nie wieder. 

Robert Wilson

Allen Ginsberg & Peter Orlowsky

Donald Judd

Spinning on my Heels – Einmal um die Achse gedreht

Gilles Peress, Henri Cartier-Bresson, Josef Koudelka und Marc Riboud

Nach meiner ersten Ankunft in New York gingen Robert Frank und ich ins New Yorker Magnum-Büro. Es lag in Soho, ein paar Schritte von Franks Haus entfernt. Henri Cartier Bresson, der Begründer der Pariser Magnum Agentur, war mir schon 1988 in Ostberlin begegnet, wo er Gast des französischen Kulturattagés Jean Louis Leprêtre und des Leiters des Centre Cultural Francais Ostberlins, Dominique Palliarse, war. Beide veranstalteten eine Ausstellungsserie großer französischer Photographen, durch die ich später auch Josef Koudelka und Marc Riboud kennenlernte. Riboud besuchte mich in meinem Pankower Atelier. Koudelka lernte ich in der Wohnung Arno Fischers und Sibylle Bergemanns kennen. Die Begegnung mit Henri Cartier-Bresson fand in der französischen Botschaft statt. Cartier-Bresson saß neben mir. Er schien wie ein Quell frischen Wassers zu sein, sprudelte vor Begeisterung in seinen Erzählungen, war vielseitig, widersprüchlich, nobel und fein, mit einem Geist, der schwer einzuordnen war. Seine Leidenschaft für afrikanische Großwildjagd wirkte überraschend auf mich. Lange vor dieser Begegnung hatte mich seine Photographie nachhaltig beeinflußt. Neben Paul Strand und Diane Arbus war er derjenige, der mich am meisten inspirierte. 
Beim Eintritt Robert Franks und mir ins New Yorker Magnum-Büro empfing uns Gilles Peress mit auserlesener Liebenswürdigkeit. Es war zu spüren, daß er Robert Frank schätzte. Mit seinen Fotos über Ruanda sollte Peress später weltberühmt werden. Da nach dem Mauerfall das Interesse am Osten groß war, bat Peress mich zugleich, ihm Photos zu zeigen. Ich stellte ihm Ausschnitte der Serien “Berlin in einer Hundenacht” und “Der große und der kleine Schritt” vor, die 1988 beim Rencontres Internationales de la Photographie in Arles ausgestellt waren. Peress war sehr angetan. 
„Du solltest dich bei Magnum bewerben! Jedes Jahr werden neue Photographen aufgenommen. Die Entscheidungen werden von der Zentrale in Paris getroffen, nicht von uns“, schlug Peress vor. „Bleib bei dem, was du bisher gemacht hast“, hatte Robert Frank mir beim Verlassen des New Yorker Magnum Büros geraten. Er meinte damit die freie Autorenfotografie, die sowohl sein, als auch mein Metier waren. 

Ma rencontre avec Henri Cartier-Bresson et Robert Frank

Robert Frank, dont j’avais fait la connaissance en 1985 à Berlin-Est et avec lequel j’entretenais depuis cette rencontre – en dépit du Mur – un échange épistolaire régulier, m’invita à New-York après la chute du Mur. C’est donc en 1990 que, peu de temps après mon arrivée à New-York, nous nous rendîmes, Robert Frank et moi, dans le bureau new-yorkais de Magnum. Il se trouvait à Soho, à quelques pas de la maison de Robert Frank. J’avais déjà rencontré Henri Cartier-Bresson, fondateur de l’agence Magnum à Paris, en 1988 à Berlin-Est, où il avait été invité par le Conseiller culturel, Jean-Louis Leprêtre, et le Directeur du Centre culturel français, Dominique Paillarse. Tous deux étaient les initiateurs d’une série d’expositions de grands photographes français, ce qui me permit de faire par la suite également la connaissance de Josef Koudelka et de Marc Riboud. Riboud me rendit visite dans mon atelier à Berlin-Est en 1989. La rencontre avec Henri Cartier-Bresson eut lieu en 1988 dans l’appartement de Jean-Louis Leprêtre, pendant la période où ses photos étaient présentées à Berlin-Est au Centre culturel français. Henri Cartier-Bresson était assis à coté de moi. Il me fit l’impression d’être une source d’eau fraîche, il débordait d’enthousiasme en parlant et en racontant des histoires, abordait les sujets les plus divers, les plus opposés, faisant preuve d’une très grande finesse et d’un esprit difficile à “cataloguer”. Sa passion pour la chasse au gros gibier en Afrique me surprit beaucoup et fit sur moi le plus grand effet. Longtemps avant cette rencontre ses photos avaient exercé sur moi une profonde et durable influence. A côté de Paul Strand et de Diane Arbus Henri Cartier-Bresson était sans conteste le photographe qui m’inspirait le plus. Sans Henri Cartier-Bresson “Berlin dans une nuit de chien” n’aurait pas existé sous cette forme. Son oeuvre photographique était bien connue et particulièrement appréciée en Allemagne de l’Est. Je possédais plusieurs livres de lui.

Ed Lachmann 

1995 fand in der National Gallery von Washington D.C. Robert Franks Retrospektive “Moving out” statt. Robert Frank lud mich zur Eröffnung ein und bezahlte auch das Flugticket von Berlin nach New York. Alle seine Wegbegleiter waren da. Die Ausstellung war eine der eindrücklichsten Fotoausstellungen, die ich jemals sah. Dort begegnete mir sein Kollege, der  Hollywood Kameramann Ed Lachmann, der mit Martin Sorcesse und Robert Frank filmte, aber auch mit deutschen Regisseuren wie Wim Wenders, Werner Herzog und Volker Schlöndorff. Nur zwei Tage später trafen wir uns in New York bei einer anderen Fotoausstellung wieder. Ich war mit Deborah Bell, meiner New Yorker Galeristin. Ed Lachmann lud uns und ein Häuflein Menschen zum Abendessen in ein Restaurant ein. Wir verteilten uns in mehrere Taxis. Ich fuhr mit Ed Lachmann. Die Taxis der anderen fuhren uns voraus, doch wegen des dichten Verkehrs verloren wir sie aus den Augen. Daraufhin gingen wir allein in ein japanisches Restaurant. Der Abend war erst angebrochen, als wir es verließen. So gingen wir in sein New Yorker Studio, welches von gigantischer Größe ist. Ich hätte Rollschuh darin laufen können. Es bestand aus einem einzelnen Raum, der in viele Unterabschnitte geteilt war, jedoch ohne durch Wände getrennt zu sein. Ein Abschnitt stellte Bar und Küche dar. Ein anderer das Schlafzimmer, ein dritter das Arbeitszimmer usw. Egal wo man sich aufhielt, nahm man den ganzen Raum wahr. Er hatte Weite und Größe, wie ich es nie in Europa sah. Es lag in der Nähe des Broadways. An der Bar ließen wir uns nieder. Er kochte uns einen Kaffee. Während des Gesprächs, stand er oft abrupt auf, um in der Weite seiner Loft etwas zu suchen. Dabei fiel mir sein Gang auf. Er stakste wie ein Storch. Eigentlich lebte er in Los Angeles. New York war seine zweite Bleibe. Wir freundeten uns an, telefonierten über die ganze Welt. Einen Tag rief er aus Texas an, den nächsten aus New York, den übernächsten aus Südafrika. Er war wirklich wie ein Storch, mehr in der Luft, als auf der Erde. Eines Tages flog er auch einmal nach Berlin, um mit Volker Schlöndorff zu drehen, während er gleichzeitig zwischen Wien, Amsterdam und Cannes, hin- und herflog, um einen seiner Filme, den er mit den Fotografen Larry Clark gedreht hatte, bei den Filmfestivals unterzubringen.
Irgendwann klingelte er einmal an meiner Tür. 
„Wer ist da?“ fragte ich über die Sprechanlage.
„Ed Lachmann“, hörte ich seine Stimme. 
Es dauerte mindestens zehn Minuten, ehe er die Treppen zu mir in den vierten Stock hinaufgestiegen war. Sofort fiel mir sein Humpeln auf. Er lief wie auf Stöcken. Mein Atelier hatte gerade mal sechzig Quadratmeter und war das Gegenstück zu seinem. Die Weite kam bei mir mehr aus den Bildern. Wir schauten uns einen ganzen Abend lang meine Fotos an, die er zu sammeln begann. Danach flog er wieder davon, rief aus Wien, Amsterdam und Beirut an.

Gundula Schulze Eldowy und Robert Bauval (Autor von „Das Geheimnis des Orion“, „Der Schlüssel zur Sphinx“), Baconfield, London 1996

John Anthony West (links), Gundula Schulze Eldowy (Mitte), Robert Bauval,(rechts), London 1996

John Anthony West, Archäologe und Autor, schrieb das legendäre Buch „DIE SCHLANGE AM FIRMAMENT / Serpent in the SKy“ und erforschte die Arbeit von Schwaller de Lubicz.

Tagebucheintragung vom 13.2.1997
Richard Avedon

Er beherrschte die New Yorker Fotoszene wie kein Zweiter. Jede Ausgabe des Magazins The New Yorker veröffentlichte ein Foto Richard Avedons. Ich sah sie regelmäßig, denn ich hatte das Magazin abonniert. Zu dieser Zeit lebte ich im Appartement von Paco Grande, einem Freund Franks, der den Winter über in Thailand lebte. Es lag nebenan von Robert Franks Haus in der Bleecker Street. Ab und zu besuchte Richard Avedon Robert Frank, jedoch hatte ich nie das Glück, beide gemeinsam zu erleben. Entweder war er schon weg oder noch nicht da. Als ich ihm endlich einmal gegenüberstand, war ich gerade in Moskau. Es herrschten eisige Temperaturren von minus 25 Grad. Das enfant terrible der Moskauer Kunstszene, Oleg Kulik der wegen seiner Aktion berühmt geworden war, sich nackt wie ein Hund an der Leine führen zu lassen, hatte in einem Moskauer Nobelclub eine Aktion Hinz und Kunz Moskaus war erschienen. Die Ausstellungsmacherin Tatjana Salzirn, die mich mit den Bildern der Serie Der große und der kleine Schritt nach Moskau eingeladen hatte, nahm mich zur Aktion mit. Tags zuvor war meine Ausstellungseröffnung zu einem Skandal ausgeartet. Anlass war mein Photo einer Zangengeburt. Der Besitzer der Moskauer Tageszeitung Istwestja, in dessen Räumen die Ausstellung stattfand, hatte es, sowie zwei weitere Bilder, die ihm nicht gefielen, heimlich abhängen lassen. Zur Eröffnung waren die Fotos ohne Erklärung verschwunden. Der Besitzer  weigerte sich hartnäckig, sie zurückzugeben und da sie durch den Ankauf Eigentum des Institutes für Auslandsbeziehungen geworden waren, oblag die Angelegenheit dem Moskauer Goethe-Institut, dessen Chef die Bilder zurückforderte. Mir warf er vor, die Konfrontation mit Absicht gesucht  zu haben. womit er sich unwissentlich auf mich projizierte, denn es war einer seiner Angestellten, der sich in Moskau langweilte und gern nach Persien wollte, der die Konfrontation ausgelöst hatte. Den Streit noch im Magen, betraten Tatjana Salzirn und ich den Keller der Villa, in dem die Aktion stattfand. Die Leute standen wie Ölsardinen und ich bekam plötzlich Platzangst. Mitten im Trubel rief Tatjana Salzirn, die vorausgegangen war: „Richard Avedon ist hier! Komm! … Richard Avedon steht neben mir! …Komm! Ich habe ihm von deinen Fotos erzählt! Er kennt sie vom MOMA. Komm bitte!“, rief sie mehrere Male. Ich war unfähig, einen Schritt zu machen, stand wie angewurzelt da. Je öfter sie ihre Worte wiederholte, desto gelähmter wurde ich. Tatjana Salzirns liebevolle Stimme fuhr weiter fort: „Richard Avedon ist da!“ Sie rief es in Englisch. Die Menschenmenge verdeckte Salzirn und Avedon. Sie waren beide nicht zu sehen. Da ich nicht kam,  kam er. Jetzt hätte ich ihn begrüßen und mich erklären können. Versteinert ließ ich ihn grußlos an mir vorüberlaufen, starrte ihn bloß an. Er war ein gertenschlanker, kleiner  Mensch, von ungewöhnlich feinem Habitus, ruhig und beherrscht. Seine wunderschönen braunen Augen stachen sofort mir ins Gesicht. Er hatte er einen braunen Lammfell-Mantel an. Völlig geschlagen von meiner Paralyse trottete Tatjana Salzirn tonlos hinter ihm her. Kurz darauf ist Alvedon gestorben.

Photographie: Christian Rothmann, v.l.n.r. „Gundula Schulze Eldowy, Katharina Sieverding, Angelika Platen", Berlin 2022

James Warhola (Neffe von Andy Warhol), und Ehefrau Diana, Photobastei, Zürich 2019, Photographie: Romano Zerbini

Maler und Opernregisseur Achim Freyer

BILDER, Berlin 2019

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