In einem Wind aus Sternenstaub / 1990-2025
IN EINEM WIND AUS STERNENSTAUB / 1990-2025
Poesie als Weg
Meine erste große Reise führte mich nach Pilsen und Prag – mitten in den Prager Frühling hinein. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr bin ich auf Reisen. Von dem Moment an, wo ich 1990 meine Füße auf amerikanische Erde setzte, blieb ich mit der Weite des Kontinents verbunden, was bis heute gilt. Nach Europa kehrte ich nie wieder ganz zurück. New York war nur der Anfang einer Reise tief in den amerikanischen Kontinent hinein. Fasziniert von seiner Größe, wechselte ich vom Atlantik zum Pazifik, um mit den Ureinwohnern amerikanischer Stammes-Kulturen zusammenzuleben. Meine Bilder sind die Essenz meines Erlebens. Zeugnisse für das, was durch mich hindurch ging. Deshalb versteckt sich hinter meiner Fotografie mein Nachdenken über Realität, Wahrnehmung und Welt. Wahrnehmung = Wahr nehmen. Man nimmt nur wahr, was man für wahr hält. Was aber ist wahr?
Der Mensch nimmt wahr, was er selbst ist. Er sieht sich selbst, nicht die Welt. Das Bild bin ich. Das Bild als Instrument gestaltender Kräfte. Ich erfinde die Welt mit Bildern. Jede Weltbetrachtung ist ein Nachdenken über sich selbst. Das Selbst braucht die Welt, um sich auszudrücken. Umgedreht braucht die Welt das Selbst zum Sein. Subjektiv und objektiv sind künstliche Trennungen von etwas, das zusammengehört. Alles ist real. Das Sichtbare genauso wie das Unsichtbare, der Traum genauso wie das Bewußtsein, Vision genauso wie Geist. Schamanen unterscheiden nicht zwischen Traum und Wirklichkeit. Gedanken, Gefühle und Träume sind für sie real. In der Vorstellung gibt es alles und was in der Vorstellung existiert, ist wirklich, denn wir kreieren unsere Welt aus Vorstellungen und Träumen, sagt Javier Alberto Garcia Vásquez, mit dem ich seit mehr als zwanzig Jahre durch die Anden reise, wo uralte Überlieferungen der Inka Nachfahren uns in den Bann schlugen. Den Geist der Weite fand ich dort, in den Ureinwohnern Amerikas.
Die Essenz meiner Erlebnisse ist die Verschmelzung mit der Welt. Die Welt ist überall. Es gibt unendlich viele Facetten wie Sterne am Himmel. Nur scheinbar sieht es so aus, als würde die Realität das Leben prägen. In Wirklichkeit ist die Realität Ausdruck innerer Zustände, die sich an markanten Punkten offenbaren. Genauso wie ein menschliches Herz unzählige Facetten in sich birgt, genauso verbergen sich unzählige Facetten im Leben. Das Paradies ist ein Zustand, der in jeder Sekunde und überall eintreten kann. Absichtslos und beiläufig im Zusammenleben der Menschen. Aber auch im Alleinsein. Eine Leuchtspur der Sterne. Zehntelsekunden vergegenwärtigen, was gerade passiert. Trotz der Tatsache, daß Bilder festhalten, so steht doch nichts fest, denn die Erde dreht sich in vierundzwanzig Stunden um sich selbst, während sie gleichzeitig mit Hunderttausenden Stundenkilometern sich um die Sonne und in noch rasender Geschwindigkeit mit der Sonne um die Galaxie und mit der Galaxie sich um die Zentralsonne dreht. Es existieren Trilliarden an Galaxien. Die Galaxie, zu der die Erde und ich gehören, hat 400 000 Milliarden Sterne und ist nur eine davon. Wo liegt der Zusammenhang zwischen einer Zehntelsekunde und diesen Zeitläufen des Kosmos? Die Antwort gibt der chinesische Poet Dschuang Dsi, der scheinbar schon vor viertausend Jahren sich dasselbe fragte, was ich mich angesichts der Fülle des Universums frage. Woher kommt alles Unbill des Lebens? Es kommt von der Manie, das Leben kontrollieren zu wollen… Wer sich nach außen wendet, ohne zu sich selbst zurückzukehren, der geht als Gespenst um, und hat er, was er da draußen sucht, erreicht, so zeigt es sich, daß, was er erreicht hat, der Tod ist. Und wenn er trotz dieser Vernichtung seines Geistes noch körperlich weiter besteht, so ist er doch nichts weiter als ein lebendiges Gespenst
Gundula Schulze Eldowy
Mehr Information

Dictatures et libérations
Amateur d'art

Freddy Langer, FAZ
Man weiß ja nie, wie die Reise geht
FAZ, 24. Mai 2018

Rencontres d'Arles
La photographie est-allemande derrière le mur - Madame Figaro


