Malerei

„Ihr Vögel, leiht mir eure Träume!“, Buch, Unikat, 80 Doppelseiten, 2026 – mit Federn von Papageien, Kakadus, Wellensittichen, Pfauen, Hähnen, Enten, Möwen, Falken, Kondoren, Tauben, Buschtrupiale (Tordo Finos), Sturmtaucher, u.a.  

Gewöhnlich frühstücken wir an einem großen, rechteckigen Tisch mit zehn Stühlen in einer Taverne aus Bambus. Ringsherum wuchern Dschungelpflanzen. Vom Dach hängen drei Vogelbauer mit Wellensittichen, Kakadus und einem Papageien. Der Papagei heißt Pepino. Er ist das drolligste Wesen, dass ich jemals erlebte. Er spricht nur ein Wort: PEPE, die Abkürzung von Pepino. Wenn er es sagt, will er damit auf sich aufmerksam machen, während wir Menschen am Tisch essen. Mit scharfen Augen erspäht er alle Speisen auf dem Tisch und will etwas abhaben. Dabei veranstaltet er ein solch lautes Geschrei, dass wir uns nicht mehr unterhalten können. Er übertönt unsere Stimmen. Er versteht den Unterschied nicht zwischen ihm und uns, versteht nicht, wie wir ohne ihn essen können. Er fühlt sich gleichberechtigt in unserer Runde, ohne Unterschied, womit er recht haben mag. Schließlich lebt er in Gefangenschaft eines Käfigs. In der Wildnis bräuchte er uns nicht. Auch wenn wir uns der Illusion nach für frei halten, so sind wir es nicht. Ich gebe ihm immer, was er haben möchte: Kartoffeln, Yucca, Süsskartoffel, Brot, Äpfel… Er ist nie zufrieden. Will mehr. Irgendwann reicht es Javier, der mit seinem Stuhl neben ihm sitzt, schnappt seinen Käfig und verbannt ihn an einen Ort, wo wir sein Geschrei nicht mehr hören können. Weil er mir schätzungsweise zweihundert Federn für mein Buch „Ihr Vögel, leiht mir eure Träume!“ schenkte, bin ich aus Dankbarkeit milder zu ihm. Seine leuchtend roten und grünen Federn sind die schönsten im Buch – neben denen eines Pfaus. Vor zwei Tagen säuberte ich allein den Tisch, drehte mich zu Pepino um und sah, wie er eine große, grüne Feder in seiner linken Kralle hielt, um sie durch die Gitter mir zu reichen.

Gundula Schulze Eldowy, Peru 2026

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