Im südöstlichen Teil Berlins, nicht weit von den S-Bahnhöfen Rummelsburg und Nöldnerplatz, liegt die Pfarrstraße. Sie ist nicht groß, auch das umliegende Viertel, zu dem die Kaskel-, Geusen-, Spitta-, Kernhofer- und Türrschmidtstraße gehören, ist eher klein. Die ganze Gegend entstand aus der ehemaligen Kolonie Viktoriastadt. Dort wurden während der Gründerzeit die ersten mehrgeschossigen Häuser gebaut. In der Nähe lagen zahlreiche Fabriken. Einige machten bankrott, andere hielten sich über Wasser, wie beispielsweise die ehemalige Bleigießerei und Maschinenfabrik oder VEB Berliner Bremsenwerke. Im Viertel wohnten überwiegend Arbeiter, Händler, kleine Beamte und Eisenbahner, die auf den nahegelegenen Bahnhöfen Lichtenberg und Rummelsburg arbeiteten. Heinrich Zille wohnte dort. Die Gegend war typisch für das Berliner Milieu. Ein Geschäft war neben dem anderen, und auf den Hinterhöfen der Pfarrstraße gab es zahlreiche Unternehmungen wie Molkereien, Käsefabriken, Droschkenkutscher und Fuhrleute, Stellmacher und Schlossereien. Die Toiletten waren ohne Wasserspülung und befanden sich auf dem Hof. Als ich 1969 nach Berlin kam, war das erste, was ich von der Stadt kennenlernte, die Pfarrstraße. Ihr Anblick hatte mich schockiert. Der Putz der Häuser war bis auf die nackten Mauern herunter gebröckelt. Überall waren Einschüsse der Maschinengewehr-Salven zu sehen. Hier und da war eine Bombe eingeschlagen; nun klafften an der Stelle Lücken. Die Häuser rochen muffig, waren dunkel und kalt. Stieg ich die Treppen hoch, mußte ich aufpassen, denn das Treppengeländer war morsch und wackelte. Ich wohnte damals kurze Zeit in der Wohnung eines Freundes, der in Berlin studierte. Sie lag im Seitenflügel eines Hinterhofes und war winzig, ein Zimmer mit Küche, ohne Korridor – vom Hausflur ging es direkt in die Küche. Die Plumpsklos waren immer noch da. Ich mußte also jedesmal vom zweiten Stock runter auf den Hof. An die Ratten hatte ich mich bald gewöhnt. Als Waschgelegenheit diente in der Küche eine alte verrostete Gosse. Abends ging oft das Licht aus, weil die Stromleitung überlastet war. In der Nähe befanden sich mehrere alte Bäckereien, in denen ich gerne einkaufte. Sie hatten eine für Berlin typische Atmosphäre, waren klein, aber mit gutem Angebot. Auch „Schusterjungen gab es dort. Und die Verkäuferin schien jeden, den sie bediente, zu kennen. Erst 1983, als ich den Auftrag bekam, die Rekonstruktion der Pfarrstraße zu fotografieren, ging ich wieder hin, nahm alles auf, was ich noch vorfand. Der Seitenflügel, in dem ich gewohnt hatte, war schon weg. Nur das Vorderhaus stand da und ich erkannte es kaum wieder. Es war vom Keller bis zum Dachstuhl verändert, die Wohnungen waren vergrößert worden, hatten Küche und Bad mit fließend Warmwasser. Die Fassade des Hauses und ihre Struktur glänzten in heller, erdige Farbe. Während in einzelnen Häusern noch Leute wohnten, wurde nebenan gebaut. Bevor die Bauarbeiter kamen, standen die Wohnungen eine Weile leer. Die Fensterscheiben waren zerbrochen und das Innere war der Witterung preisgegeben.
Solche verlassenen Räume machten einen gespenstischen Eindruck. Die Leute hatten nicht alles mitgenommen, ließen etwas zurück: einen ausgeschlachteten Fernseher oder Kühlschrank, Schubladen, kaputte Stühle, einen Nachtschrank oder eine unbrauchbar gewordene Lampe, alte Zeitungen und Plakate. Manchmal malten sie Sprüche und Comics an die Wand, bevor sie ausgezogen waren. Später, als die ersten Bauarbeiten begannen, Mauern eingerissen und Gerüste aufgestellt wurden, glich alles einem einzigen Schlachtfeld. Maurer, Dielenleger, Zimmerleute, Dachdecker, Schlosser, Installateure, Ofensetzer und Maler verrichteten abwechselnd ihre Arbeiten, ordneten das Chaos, blieben eine Weile und verschwanden wieder. Es dauerte Monate bis ein Haus rekonstruiert war, manchmal ein Jahr. Und es veränderte das Leben vieler Leute. Manche zogen weg, andere blieben im Viertel. Wenn ich dort war, ging ich oft in die „Pfarrklause“. Das Inventar der Kneipe bestand aus einer Handvoll Sprelacarttischen und Kunstlederstühlen. Um mich herum saßen meist Männer aus dem Bremsenwerk. Einmal begleitete ich eine Essenträgerin der „Volkssolidarität“. Sie brachte Essen aus einer Großküche zu den Rentnern, die sich selbst nicht versorgen konnten. Da traf ich einen alten Mann in seinem Bett an. Ihm war anzusehen, dass er immer im Bett lag. Das Zimmer war klein und wie ein Schlauch. Ich war gerade dreißig, als ich ihm begegnete. Ich photographierte ihn im Bett mit allen Klamotten am Leib. Eindringlich bat er mich, ihn ein zweites Mal allein zu besuchen, was ich auch tat. Da erzählte er, einer der deutschen Soldaten in polnischer Uniform gewesen zu sein, die den Sender Gleiwitz 1939 überfielen und damit den Zweiten Weltkrieg auslösten. Er hielt sich für den einzig Überlebenden von sieben deutschen Soldaten, die sich manipulieren ließen. Als er mir das erzählte, spürte ich seinen nahen Tod. Ich spürte, dass eine Last auf seiner Seele lastete, über die er sprechen wollte, bevor er ging. Wir waren allein. Für mich war dieses Erlebnis, über das er sprach, reine Geschichte, etwas, was ich aus Büchern, Filmen und Zeitungen kannte, was ich aber nicht erlebt hatte. Für ihn war es das ganze Gegenteil. In meiner Zeugenschaft als teilhabende Photographin übernahm ich unbewusst die Rolle eines Priesters, der die Beichte eines Sterbenden entgegen nahm. Zwar erkannte ich das volle Ausmaß seiner Last, sich am Tod von 50 Millionen Menschen schuldig zu fühlen, die im Zweiten Weltkrieg starben, doch war mir seine Geschichte ziemlich fremd. Ich war als Künstlerin unabhängig und hatte mich stets von Kräften ferngehalten, die manipulierten. Berlin 1986