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Tagebücher

„Ich beriet mich bei mir selbst“

52 Tagebücher 1992-2022, Gundula Schulze Eldowy

Tagebucheintragung, New York, 5. Juni 1992 

„An einer Kreuzung warten Autos wie schlafende Ungeheuer auf Grün. Es giesst in Strömen. Auf der Straße begegnet mir ein Blinder. Er hat keinen Schirm und ist glitschnass. Eine Frau, die hinter ihm geht, möchte gern an ihm vorbei, kann aber nicht, da der Blinde den ganzen Bordstein mit seinem Stock abstochert. Plötzlich ist er ganz nah bei mir. Er spürt meinen Atem, als suche er ihn. Flink weiche ich aus und lande auf dem U-Bahn-Entlüftungsschacht. Sofort fliegt mein Rock hoch, er fliegt und fliegt, fast in den Himmel hinein. Die Frau steht noch hinter dem Blinden, der sie nicht vorbeilässt und lacht. Ich lache. Am Hotel Sowieso steht ein Autobus und auch der Fahrer strahlt mich an, winkt und lacht. Jedem ist die Filmszene mit Marilyn Monroe aus „Das verflixte 7. Jahr“ (Billy Wilder) bekannt. In Chinatown photographiere ich später die Schatten zweier Hände auf dem Asphalt. Ich bücke mich gerade herunter, als plötzlich von hinten ein Windstoß zwischen meine Beine fährt. Schon wieder beginnt mein Rock zu fliegen und ich stehe halbnackt auf der Straße. In der U-Bahn ist der Fussboden von der Nässe so glitschig, dass ich ausrutsche. Eine ganze Kompanie von Männern, darunter auch ein Polizist, hält mich am Arm fest…“

New York, den 24. Februar 1993, Subway Station Bleecker Street

Es ist ungefähr zwölf Uhr mittags. Ich laufe den Bahnsteig entlang, bleibe stehen und warte mit vereinzelten Leuten auf die nächste Bahn. Nicht weit entfernt wackelt ein Mann am Stock heran. Er kann sich kaum auf den Beinen halten. Er hat seine rote Pudelmütze so weit ins Gesicht gezogen, dass er eigentlich nichts sehen kann. Er steht so da und schaut in meine Richtung oder besser in die Richtung, aus der der Zug kommen müsste. Wieso er so gespannt dorthin schaut, ist mir schleierhaft, denn von seinen Augen ist kein Deut zu sehen. Er beginnt wieder zu laufen. Seine Knie scheinen Pudding zu sein. Gott sei Dank kann er sich am Stock festhalten. Beinahe sieht es so aus, als purzle er gleich den Bahnsteig auf die Gleise hinunter. An der Bahnsteigkante macht er jedoch halt, beginnt mit dem Mann neben mir zu reden. Dieser scheint offensichtlich kein Wort zu verstehen, weicht aus und geht weg. Es handelt sich um keinen alten Mann, der da über den Bahnsteig wackelt, sondern um ein undefinierbares Wesen über fünfzig. Endlich kommt die Bahn. Die Tür springt auf. Beim Einsteigen spüre ich ihn hinter mir und denke noch: Hoffentlich schafft er’s, denn die Türen schnippen schnell wieder zu. Kaum stehe ich im Zug, gibt es einen mörderischen Schlag. Etwas fällt stocksteif neben mir zu Boden. Es ist der Mann. Er ist in hohen Bogen in die Subway hineingeflogen. Seine rote Pudelmütze rauscht durch die Luft direkt auf den Schoß eines entsetzten Fahrgastes. Rings um ihn springt alles beiseite und von den Sitzen auf.In Windeseile versuchen drei Männer zuzupacken, ihn hochzuhieven, damit er sitzen kann, wenn es schon mit dem Stehen nicht klappt. Aber er ist steif und macht sich beim Anfassen der Fahrgäste noch steifer. Dabei rollt eine volle Schnapspulle aus der Jackentasche. In der Hose, genau an der linken Arschbacke, klafft ein Triangel von vielleicht zehn Zentimetern. Es entblößt den halben Arsch. Wohlgemerkt, in New York sind Minusgrade unter zehn Grad Null. Zwei Männer
lassen von ihm ab, nur einer macht sich noch an ihm zu schaffen. Jeder kann sehen warum. Über der linken Schläfe ist eine tiefe, klaffende Wunde, aus der frisches Blut rinnt. Es rinnt über seine linke Gesichtshälfte.
Die Wunde muss durch den Sturz aufgeplatzt sein. Um sie zu verdecken, hatte er die Mütze so tief ins Gesicht gezogen. Endlich sitzt der steife Mann auf der Bank. Tausend Leute reden auf ihn ein. »Sie müssen in ein Krankenhaus gehen!« höre ich jemanden sagen.Der Schaffner wird geholt. »Sie müssen in ein Kran- kenhaus gehen!« sagt auch er. Er meldet den Fall über Sprechfunk der Zentrale. Der Zug steht bereits seit zehn Minuten. Der Mann sitzt in stoischer Ge- lassenheit da, als wäre nichts passiert. Blutüberströmt schaut er die Fahrgäste an, als wolle er fragen: »Wisst ihr, warum der verdammte Zug noch nicht fährt?« Sein Gesicht lässt sich schwer beschreiben. Typ rauer Bursche, Wind und Wetter haben seine Haut wie Leder gegerbt. Ebenso lassen sich die Gesichter der Fahrgäste, die auf den Bänken sitzen, schwer beschreiben. Drei feine Herren sitzen nebeneinander wie Hühner auf der Leiter, etwas grimmig dreinblickend, gegenüber ein schwarzer Vater mit seinem schlafenden Baby auf dem Schoß. Daneben die Mutter. Er entdeckte die Unfallursache. Das Einstiegsplateau vom Zug war viel zu hoch über der Bahnsteigkante. Vielleicht eine ganze Stufe. Der Mann in der roten Pudelmütze musste es übersehen haben, und so war er im Hechtsprung in die U-Bahn geflogen. Der Schaffner ließ von ihm ab, der Zug rollte weiter. An der nächsten Station stieg der Mann aus, die rote Pudelmütze wieder tief ins Gesicht gezogen. Jemand half ihm beim Laufen, henkelte seinen Arm ein und beide verschwanden aus meinen Augen.

Tagebuchnotiz
Die Stadt der Hottentotten

Tagebuchnotiz, Saqqara 3. Juli 1993

Ich mag die Idee, unsichtbar zu sein, vom Himmel herab, Bilder und Worte zu streuen, sie wie Strahlen auf die Erde zu senden. Perlen des Himmels. Nicht gewusst woher. Stell Dir vor, Du gehst eine Straße entlang, plötzlich fällt Dir etwas vor die Füße, ein Zettel, Du hebst ihn auf, liest und denkst: das, was da geschrieben steht, bin ich.

Aus dem Tagebuch Nibelungenschwere, Ägypten 1993 

Das Bild kommt mit dem Tod. Das tote Auge ist ein schwarzes Loch. Mit ihm kommen die Bilder. Hinter dem Licht gehen die Farben verloren, dort wirst du blind. Warum kleistern sich die Menschen mit Fotos zu? Das Bild übernimmt die Funktion des Lebens. Was nicht gelebt wird, lebt im Bild. Der Weg des Bildermachens ist ein Weg des Sterbens. Die Bilder kamen bei mir mit dem Tod, als meine Großmutter starb. Mit dem Tod fing bei mir die Fotografie an. 
Im Bildermachen bin ich stecken geblieben. Nicht etwa, weil die Quelle erschöpft war und nichts mehr kam, sondern weil viel zu viele Bilder kamen. Das Gesehene muß erst einmal verdaut werden. 
…Als Fotografin bin ich mit Leib und Seele dem Augenblick, dem Jetzt, verschrieben. Ich habe mir angewöhnt, meine Aufmerksamkeit hundertprozentig auf jedes Geschehen zu lenken, das direkt vor mir ist, von meinen Augen und Ohren bestimmt wird, denn diese können nur im Jetzt sein. Sie können nur in dem gerade Geschehenem denken. Nicht davor, nicht danach. Das ist ihre Stärke. 
In den Augenblick, wo wir denken, sind wir nicht mehr ganz und gar bei uns selbst. Der Sehende ist woanders. Der Hörende ist hier und jetzt. 
Novalis sagte, indem wir in Gedanken weggehen, verlieren wir uns.
Stimmen, die Informationen geben, wirken gepreßt. 

Ein Haus ohne Zimmer

An einem Tag gab mir Gott alles auf einmal: den Verstand, das Gute zu erkennen; die Kraft, es auzuleben; die Liebe, mich zu verlieren, das Geld, gut zu essen und die Geduld, von allem zusammen ein Bild zu machen.
 
Der Schatten des Reiters streift mein Herz im Schlaf

Ich habe im Traum einen weißen Schwan aus Stein gesehen. Von ihm möchte ich ein Bild machen…

Aus dem Tagebuch Der flüssige Himmel, Ägypten 1993
 
Ich bin jeden Tag den Nil stromaufwärts mit der Faluka gefahren und dabei jeden Tag den Sonnenuntergang erlebt. Ich habe nichts gefühlt und nichts gedacht. Ich hatte keine Idee. Auch nach Tagen nicht. Der Kopf blieb leer. Jeden Tag den Nil mit den Augen abgetastet, den Wind, der über die Wellen streift, das Licht, die Farben und die Figuren. Nach zwei Wochen wollte ich den Ort verlassen, weil sich keine Inspiration einstellte. Plötzlich kam es explosionsartig aus mir heraus.
Weshalb kommen viele großen Geister aus der Wüste? Weil sie alle auf der Flucht waren. 
Mit Gefahr leben, macht Spaß, denn nichts ist grauenvoller als die Angst vor sich selbst. 

 Tagebucheintragung, Gizeh, 10.2.1995

Ich sitze in der Königskammer der Cheops-Pyramide. In meinem Kopf ist nichts, genau dasselbe Nichts ist in der Kammer. In ihr klafft Leere. Nichts als Luft, Granitsteine und Schwärze, einer Schwärze, die allerdings dick ist und so dunkel, dass sie erschrickt. Mit aller Macht werde ich auf etwas Unbekanntes in meinem Inneren geworfen. Jede äußere Ablenkung fehlt. Es gibt in der Welt nicht viele Orte, an dem nicht der leiseste Ton dringt, wo es unendlich still ist. Eine gewöhnliche Nacht ist nicht halb so dunkel,  wie inmitten des künstlichen Pyramidenberges aus 4 Millionen Steinquadern zu sitzen. Ich fühle mich wie in der Höhle. Ich habe keine Angst. Es gibt Augenblicke, die sich als warme Brise im Körper ausbreiten, ihn dehnen und öffnen lassen. Sich nur noch als Energie und Geist anzufühlen, keine Umrissen kein Schatten, keine Spiegel zu sehen, die das physische Auge ablenken könnten. Im Vakuum der Dunkelheit tritt ein energetisches Sehen, das den Blick nicht auf eine äußere Erscheinung richtet, sondern auf den Geist, der in allem schwingt. Der Geist ist unabhängig von Zeit und Raum. Er kennt keine Mauern und Grenzen und bewegt sich auf vielen Ebenen gleichzeitig. Er macht ein Wesen erst lebendig. Er lässt es vibrieren, ähnlich einem Membran. Nur wenn eine Verbindung zu dieser allmächtigen Stromquelle vorhanden ist, mag er einem Menschen das Gefühl geben, Musik zu sein. Diese Momente geschehen in der Unschärfe.
Als ich achtzehn war, wusste ich mit meiner Zeit nichts anzufangen. Ich hatte Angst vor der Zeit, die als Unendlichkeit vor mir lag. In Konsequenz davon vertrödelte ich sie. Und  vertrödelte mein Leben. Ich fühle mich mit Ende fünfzig immer noch jung, weil ich mich als Nomadin nie auf  statische Lebensweisen einließ. Ich habe immer noch viel Zeit. Nur vertrödle ich sie nicht mehr. Erst jetzt habe ich den Mut, ich selbst zu sein. Die, die ich bin, finde ich in der Zeit. 
Ich weiß nicht, wie spät es ist. Ich weiß nicht, welchen Tag wir haben. Ich besitze keine Uhr. Nichts und niemand ergreift Besitz von mir, kein Gedanke, kein Gefühl. Worte wie Liebe, Zeit und Freiheit gehören wohl zusammen und sind Schwestern der Weiblichkeit. Nachdem ich eine Weile im Nichts verbrachte, taucht in meinem Inneren plötzlich ein Meer aus flirrenden Farben auf, die anfangs Abstufungen aus Rosa, Lila und Violett waren, entfalten sich schnell zu großen Farbflecken, vermischen sich in der Art der Polarlichter. Doch das Farbenmeer, in dem ich bade, ist nicht getrennt von mir, auch nicht weit weg, sondern ich bin ein Teil des Farbenmeeres, stehe mittendrin und es sieht so aus, als würde ich es selbst erzeugen. Auch der Boden unter mir leuchtet in rosaroten, violetten Tönen. Ein Licht, das von innen strahlt. Man stelle sich das so vor, dass die gewöhnlich durchscheinene Luft sich vor den Augen in farbige Lichtfelder verwandelt, deren Konsistenz durchsichtig ist, die aber wie Wolken einen Körper haben, der aus Licht besteht, das aus dem Inneren scheint, ähnlich einer Lampe. Kaum habe ich mich an diese Wunderwelt gewöhnt, wechseln Farben, Muster und Töne. Darinnen sind Spiralen zu sehen in traumhaften Formationen, die sich in der Tiefe des offenen Raumes über mir verlieren. So gesehen kann ich keine Decke in der Königskammer ausmachen. Ich bin in einer anderen Seinsebene angelangt, aus der heraus sich die Welt anders ansieht. Die Pyramide scheint geöffnet zu sein. Staunend schieben sich neue Farben und Muster in meine Aufmerksamkeit. Melodie und Rhythmus scheint sie zu beschwingen. Spektralfarben ringen an mir vorbei und versprühen sich zu Regenbogenfarben Ich selbst verwandle mich in einen der Ringe. Kein Vergleich zur gewöhnlichen Welt ist möglich. Die Laserstrahlen und Lichtorgeln vermitteln nur einen oberflächlichen Ersatz. Es ist die Erfahrung, sich selbst auf einer Lichtebene wahrzunehmen, die Erfahrung, selbst das Licht, die Farben, Formen und Rhythmen zu sein. Alles zusammen komponiert in meinem Gehirn eine Melodie. Ich weiß nicht, woher diese Musik kommt. Sie bildet in mir einen Ton. Ich stehe auf und singe. Der Ton hallt tausendfach in der Pyramide wider. Alle Zellen meiner Eingeweide sind ebenso in Erregung des Tones wie jeder Stein der Pyramide. Ich bin Ton und Farbe. Die Steine um mich herum singen und klingen. Ich spüre keine Schwerkraft in meinen Gliedern. Um mich wieder spüren zu können, setzte ich mich auf den Boden, überlasse mich dem Geschehen. In meinem Herzen regt sich etwas. Eine violette Taube fliegt heraus. Ihr folgen weitere. Es fliegt ein langer Strom an Tauben aus meinem Herzen. Mit jeder Taube entströmt mir eine nie gekannte Liebe und Schönheit. Keine Worte der Erde können das Gefühl beschreiben, das mich überkommt. Die ganze Kugelgestalt der Erde wird vor meinem geistigen Auge von einem Strom der Tauben eingehüllt. Unsichtbar für den äußeren Blick. Unzählbar wie der Strom der Sterne am Himmel. 
Die Musik ist die Sprache des Universums. Jeder von uns ist Musik. Alles, was lebt, ist Musik. Sehe ich weiter, als meine Augen sehen, dann nur deshalb, weil ich die „Musik“ sehe. Nichts anderes mache ich als Fotografin. Ich drücke die Musik in Bildern aus, Musik ist nichts Einzelnes, sondern immer ein Zusammenspiel des Ganzen, selbst dann, wenn nur eine Stimme zu hören ist, so klingt in der Stimme das Ganze…. Den eigenen Klang zu finden ist eine Lebensaufgabe, sich in diesem Klang wohlzufühlen, bedeutet Geborgenheit, sich gefunden zu haben, nicht mehr in die Ferne schauen, auch nicht zu anderen Menschen…
Halte inne, lausche, ruh dich aus, höre, was die Stimmen und deren Musik um dich herum zu erzählen haben, beweg dich nicht, hör einfach zu! Darin liegt dein Verlangen, deine Hingabe, dein Glück. Keine Stille bleibt mehr unbemerkt. Kein Traum vergessen. An der Quelle sein, der Wurzel, dem Ort der Geburt, dem Ort der Ursprünglickeit. Wieviele Male gingen wir dengelichen Weg im Leben und nahmen ihn jedes Mal anders wahr? Wieviel Personen sind wir gewesen, die sich aus dem Unbekannten herausschälten? Wieviele Umwege sind wir gegangen, um am Ende wieder dort anzugelangen, wo wir am Anfang waren? 

Tagebucheintragung, Kairo, den 16.2.1995

In einem Traum sah ich die Erde ausgetrocknet, Pflanzen waren verkümmert und gingen ein. Staub legte sich auf ihre Äste. Da ging ich hin, um sie mit meinem Wasser zu begießen. Die Pflanzen begannen sofort, sich aufzurichten. Der Wasserguß befreite sie von der Staubkruste, ließ sie die Poren öffnen und füllte sie mit ihrem Naß. „Laß das!“, befahl eine häßliche Stimme hinter mir, „Pflanzen und Menschen haben sich an das Verdorren gewöhnt.“ Ich ignorierte die Stimme, ging weiter die Straße entlang und begoß alle mit meinem Wasser. Auch ich atmete dabei auf. 

Wie traurig sieht doch der mumifizierte Affe in der Glasvitrine des Kairoer Museums am Tahirplatz aus! Was bleibt vom Körper übrig, wenn das Blut aufhört zu fließen? Seht auf meine leblose Hülle, mag seine Mumie sagen, seht her wie traurig ich bin, wo nichts mehr an mir singt und klingt! Das Leben hat mir die Erde gegeben, denn was anderes ist der Körper als Erde? Die Erde bleibt zurück, wenn das himmlische Feuer aus dem Körper gewichen ist. Das Feuer ist die Musik, die etwas zum Singen und Klingen bringt…

Tagebucheintragung, Kairo, den 3.3.1996

 Mit vergeistigten Menschen meine ich keine Intellektuellen, sondern Menschen mit großer Schwingungskraft, die eine große Ausstrahlung haben und alles um sich herum wie eine Quelle beleben. Wahre Geistigkeit atmet den sinnlichen Geruch des Windes, des Wüstensandes, des Wassers der Bäche, der Berührungen, der Töne, des Glanzes der Haut, der Augen und des Hin- und Herfließens der Energie. Eine Geistigkeit, die nicht sinnlich daherkommt, ist trocken. Wie will sie da andere beleben? Dagegen ist alles Sinnliche ohne Geist naß, sehr naß. Das Nasse modert schnell sobald Wasser stillsteht.  
Das Wasser muß in Licht transformiert werden, um nach oben steigen zu können. Die Metamorphose besteht in der Verwandlung des Wassers in Licht. Wasser ist neben Erde ein schweres Element, daß nach unten steigt. Feuer und Luft dagegen sind leichte Elemente, die nach oben streben.  Das wahrhaft Geistige geht den Gang des Wassers. 

Tagebucheintragung, Tokyo, den 31.9.1996

Prof. Eikoh Hosoe von der Fachschule für Fotografie in Nakano – Tokyo, der während der Ausstellung zur Verleihung des Higashikawa Foto Fiesta Preises 1996 die Fotos Der große und der kleine Schritt sah, sagte: Die Fotos sind an der Grenze dessen, was ein Mensch imstande ist, zu ertragen. Sie setzen einen Fuß in die Hölle…

Yasu und ich im Zen Garten, 1996

Als ich den Kunstprofessor und Photographen Yasu Suzuka sonnabends an der Kyotoer Universität abholen wollte, war er noch mit Studenten beschäftigt. Er wirkte nervös. Schließlich drohte nach zwei Stunden vergeblichen Wartens die Situation zu kippen. Unverblümt zeigte er seine schlechte Laune. Ich ließ nicht locker und wartete. Zwei Tage zuvor hatte ich in den Bergen Kyotos einige buddhistische Tempel besucht. Einer davon besaß einen der berühmtesten Steingärten. Die Zen Priester scharrten um sehr alte Steine mit dem Rechen Kreise, die wie Galaxien anmuten. Bei meiner Ankunft waren sie von Regen und Wind ausgelöscht. Am Rande gab es einige Teiche mit Seerosen. Die Energie des Gartens und des Tempels war bezaubernd. Ich verbrachte den ganzen Tag dort, um etwas stümperhaft die Kreise um die Steine mit der Hand nachzuziehen. Bei mir sahen sie krumm und schief aus. Dem Priester des Tempels hatte ich damit das Herz gerührt. Er sprach kein Englisch und ich nur ein paar Brocken Japanisch. Er lud mich in den Tempel ein und zeigte mir Fotos vom Steingarten mit Kreisen, die nicht verwischt waren. Danach gab er mir zu verstehen, daß er die Kreise und Linien des Steingartens im Sand neu rechen könne. „Morgen gibt es Regen. Da hat es wenig Zweck. Doch übermorgen, Sonnabend, wäre es möglich. Kommen Sie bitte früh gegen zehn Uhr. Da ist der Steingarten neu gerecht“, sagte er. Ungläubig nahm ich die Einladung zur Kenntnis. Am besagten Tag war ich frühmorgens in einem anderen Tempel, der nicht weit von seinem lag. Ich konnte mir kaum vorstellen, daß er tatsächlich den Garten für mich gerecht haben würde. Anderntags hatte es wirklich geregnet. Sonnabend schien die Sonne. Wegen meiner Zweifel, beschloß ich allerdings, zurück nach Kyoto zu fahren, um Professor Yasu Suzuka zu besuchen. Das schien eine Fehlentscheidung gewesen zu sein. Angesichts seiner schlechten Laune meinte ich, der Tag wäre verloren. Das Kinderherz in mir gewann die Oberhand. Als Yasu endlich einmal eine Sekunde Zeit hatte, bat ich ihn: „Ruf doch bitte einen Priester an. Ich glaube, er wartet auf mich.“ Ich gab ihm seine Telefonnummer. Yasu wählte die Nummer und sprach eine ganze Weile mit ihm. „Der Priester wartet seit heute Morgen zehn Uhr auf dich! Laß uns sofort losfahren!“, bestimmte er. Das war genau das, was ich mir wünschte. Mit dem Autos Yasus fuhren wie eine Stunde lang, sodaß wir erst gegen 16 Uhr im Tempel ankamen. Schnurstracks ging ich in den Steingarten. Von den über fünfzig Steingärten, die ich in Kyoto gesehen hatte, war er einer der schönsten. Vor Freude lief ich in die Kreise hinein und kletterte auf die Steine, was verboten war. Die frisch gerechten Sandgalaxien sahen phantastisch aus. Ich fühlte die Verbundenheit zwischen dem Priester und mir und war mir sicher, er würde ein Auge bei mir zudrücken. Während ich auf einen der alten, heiligen Steine stand und in meine Aufnahmen vertieft war, rief in Englisch eine schroffe Stimme: „Komm sofort runter!“ Es war Yasu. Eine Gruppe japanischer Gläubiger näherte sich dem Tempel. Sie waren der Grund fürs Yasus Eingreifen. Ich sprang hinunter und ging zu ihm. Kaum war ich bei ihm angelangt, sagte er kalt: „Hurry up! Lets go!“ Ich gab ihm zu verstehen, noch eine Weile mit den Aufnahmen beschäftigt zu sein. Er nahm wenig Rücksicht, gleichwohl er wie ich Fotograf war und brüllte alle fünf Minuten „Hurry up! Lets go!“ Irgendwann erlosch jedoch seine Stimme. Ich setzte mich am Rand des Steingartens und meditierte. Die Energie des Gartens war ungewöhnlich schön. Nachdem ich eine Stunde lang in der Stille zugebracht hatte, fragte ich mich, wo Yasu wäre. Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich drehte mich um und sah ihn in einer Unterhaltung mit dem Priester. Nach abermals einer Stunde Meditation drehte ich mich ein zweites Mal um. Yasu saß einige Meter hinter mir und meditierte. Prima! dachte ich. Jetzt läßt er mich mit seinem „hurry up“ in Ruhe. Nach einer dritten Stunde war ich es, die ihn bat, zurückzugehen. Yasu hatte wenig Lust. Er sprach nochmals mit dem Priester und es war nicht zu übersehen, daß er sich wohlfühlte. Als wir in der Dämmerung den Garten verließen, trällerte er ein Lied, hüpfte vor Freude wie ein kleiner Junge. „Was hast du mit mir gemacht? Was hast du mit mir gemacht?“, fragte er verwundert. „Als ich hier ankam, hatte ich extrem schlechte Laune. Jetzt geht es mir gut. Woher kennst du diesen Tempel? Woher kennst du den Priester? Beide habe ich nie zuvor gekannt, obwohl ich in Kyoto wohne!“ 

Tagebucheintragung, Nara (Japan), den 23.9.1996

Hätte ich nicht die ägyptische Mystik kennengelernt, würde mir Japan fremd vorkommen. In Europa steht der Mensch im Mittelpunkt der geistigen Betrachtung. In Japan, die Natur, in die der Mensch eingebunden ist. Wenn du morgens, vor Sonnenaufgang, mit zweihundert Zen-Priestern im Tempel Sutren singst, hast du das Gefühl, alle Götter würden sich auf einmal umarmen. Die Sutren sind magische Silben, Vokale, Worte, die gesungen wie gezupfte Saiten eines kosmischen Instrumentes klingen. Vor mir ist der große Buddha der Welt aus Bronze: Vairocana, der kosmische Buddha. Holz und Metall sind hier ein Element. Wen wundert’s, wenn alle Tempel und Statuen aus diesen Materialien sind? Holz saugt die Feuchtigkeit auf; Wasser läßt Ton und Schall viel leichter vibrieren als Luft, die trocken ist und Metall hat zudem eine ungeheure Resonanz.

Tagebucheintragung, Nara (Japan), den 24. September 1996

Wüßten wir, daß es in Wahrheit weder Zeit, noch Raum gibt, könnten wir akzeptieren, daß es kein Ende gibt. Nur ein großer Fluß der Wandlungen. Das Rad des Drehens. Unsichtbares füllt Sichtbares, wie die Leere den Raum füllt und ihn zum Schwingen bringt. Der Abstand zwischen mir und dir ist Leere. Die Leere erschreckt nur die Erstarrten; kein äußerer Strahl bringt das Gefäß zum Schwingen. Das Nichts und die Leere heißt, in sich selbst und dem Kosmos zu schwingen. Der Erstarrte hat Angst davor. Für ihn ist Leere der Untergang. Gibt es also keine Zeit, weiß der Erstarrte sich an nichts zu halten. Dann hat nichts einen Sinn. Es stimmt. Nichts hat keinen Sinn. 

Tagebucheintragung, Tokyo, den 5. Oktober 1996

Ich bin viel beschäftigt, habe kaum Zeit, jeden Tag passiert etwas Anderes, beispielsweise ein Treffen mit dem Publisher von Switch, zur Akupunktur von Hiro, Ausstellungseröffnung, Vortrag Fahrt ins Blaue… Makiko vom Goethe-Institut in Tokyo reagierte anfangs skeptisch auf meine Wünsche, dachte, es gehe nicht. Es ging immer. Nun denke sie gar nicht mehr nach bei mir, sagt sie, denn auf wunderbare Weise würde sich alles zum Guten wenden. Die 40 Fotos vom Higashikawa Festival waren innerhalb von 24 Stunden in der Olympus Gallery und obendrein auch noch gerahmt. Woher kennst du diesen, woher kennst du jenen? fragte Makiko erstaunt. Hiro will für die Akupunkturen kein Geld. Fast jeder schenkt mir etwas. Einen ganzen Koffer voller Geschenke… auch im Kopf und im Herzen. 

Vortrag und Diashow in der Olympus Photo Gallery „Fahrt ins Blaue – Über die Unendlichkeit des Sehens“. Danach Treffen mit Motomura, der ein Freund Robert Franks ist, der die wunderschöne Equisitausgabe über die Blumenphotos von Paris und The Lines of my Hands herausbrachte. Robert hat mich bei Motomura empfohlen. Er kannte meinen Namen, sagte, ich würde auf seiner Liste stehen. 

Tagebucheintragung, Moskau den 20. Februar 1997

Was Bilder in den Augen des Betrachters auslösen können! Es war in der Moskauer Tretjakow-Galerie. Ich stand eines Tages vor dem Dreifaltigkeitsbild Andrej Rubeljovs. Das Bild hüllt drei Figuren in Gold ein. In dem Bild ist eine tiefe Liebe, die ansteckend wirkt. Meine Aura wurde von der Energie des Bildes angesteckt. Obwohl ich keine Christin bin, verstand ich die Urchristen, die die Liebe in das Zentrum des Herzens stellten. Etwas Gelebtes, Gespürtes ging von dieser Energie aus. Es war derartig lebendig, daß ich einen Augenblick dachte, die drei leuchtenden Figuren würden leibhaftig vor mir stehen und aus purem Licht sein. Ich war aus meinem gewöhnlichen Tagesbewußtsein herausgerissen und in eine andere Ebene getragen worden. Dabei hatte ich nicht mehr wahrgenommen, daß es sich um ein Bild handelte. Wieviel Kraft des Malers, wieviel Liebe und Weisheit mußte er gelebt haben, um eine solche Wirkung zu erreichen!

Tagebucheintragung, 18. Oktober 1998

Wandtext der Ausstellung: „Halt die Ohren steif! KEEP A STIFF UPPER LIP! Robert Frank und Gundula Schulze Eldowy in New York“, Kunsthalle Erfurt  (2018) und Photobastei Zürich (2019)

Flussüberquerung mit Nacho Alva: Batangrande, den 12.3.2001

Das Wasser des Flusses ist schmutzig braun. Die beiden Archäologen Nacho Alva und seine Frau Marielle gehen vor mir mit samt Klamotten in die Fluten. Ihre Rucksäcke tragen sie über ihren Köpfen, die Arme hochgehoben. Ich folge ihnen und stehe plötzlich bis zu den Knien im Schlamm. Das Wasser reicht mir bis zur Brust. Wir überqueren zwei Flüsse, die parallel fließen und einen Sumpf. Am rettenden Ufer erfolgt ein Angriff Tausender von Stechmücken. Innerhalb von Minuten bin ich von oben bis unten zerstochen. Es ist heiß. „Wir müssen durch den Wald laufen. Nimm Dich vor Schlangen und Skorpionen in acht. Es wimmelt hier von ihnen.“ Ich verstehe, die Pyramiden von Batangrande sind nicht leicht zu erreichen. Sie liegen in einem gigantischen Naturpark – eine Art Urwald. Mücken sind die ganze Zeit unsere Begleiter. Sie sind an vielen alten Orten. Vielleicht betrachten sie uns als Eindringlinge? Mücken sind Tiere mit feinen Sensoren für den Energiefluss. Sie zeigen Ströme an, die meinem Auge verborgen bleibt.
Kaum an der Pyramide angekommen, begegnet uns ein silbergrauer Fuchs. Es ist schon seltsam, mit welcher Regelmäßigkeit mich Füchse an Pyramiden begleiten. Auch an der Großen Pyramide von Gizeh. Der Fuchs von Batangrande sieht mich an und rührt sich aber nicht von der Stelle. Wir schauen uns lange in die Augen. Er bleibt. Er hat Vertrauen. Ich auch. Wir mögen uns. Es gibt augenblicklich in uns eine Kraft, die uns verbindet. Der Fuchs ist ein Mondtier und ein Einzelgänger wie ich. Er hat eine Verbindung zu verborgenen Welten, die in unterirdischen Gefilden der Erde verborgen sind, die geprägt sind von der geistigen Welt auf der Erde. Sie scheinen diese Orte zu bewachen. Er sieht nachts in langwelligen Infrarotbereich – unter 400 Nanometer – und ist in der Lage Dinge, wahrzunehmen die das menschliche Auge nicht sieht. Er bewohnt mit Vorliebe Pyramiden. Sie sind an Kraftorten gebaut, die stark schwingen. Die Pyramiden verstärken noch diese Schwingung. Sie sind nicht tot. Die Erde ringsherum ist von einem ungewöhnlichen Reichtum… 

Tagebucheintragung, Cuzco, den 20.6.2001

Seit zwölf Tagen bin ich mit Javier in Cuzco, dem El Dorado der alten Inkas. Der 21. Juni gilt von jeher Inti Raymi. Von La Paz bis Cuzco wird seit Wochen von früh bis spät ununterbrochen getanzt, gesungen, Musik gespielt und gefeiert. Rings um den Nabel von Cuzco, dem Plaza de Armas, strahlen die Umzüge der Menschen einen Farbenrausch aus, der jeden Beteiligten in einen Strom der Begeisterung reißt. Kleider, die selbst die beste Phantasie in den Schatten stellt. Neben glitzernden Perlenmützen, Röcken, Hüten, Westen, Jacken, Strümpfen, Tüchern, Schals und Ketten jede Menge Masken. Eine ist unglaublicher als die andere. Sie repräsentieren  Geister der Natur wie die der  Apus (Berggeister). Es ist eine atemberaubende Vitalität, die die Erde wackeln läßt. Cuzco, das magnetische Zentrum der Erde! brüllt ein Sprecher dauernd ins Mikrophon. Seine Stimme hallt von hundert Verstärkern der Stadt. Gemessen an den Energien der Menschen, scheint seine Behauptung zu stimmen, denn im Gegensatz zu ihnen fühle ich mich eher wie eine trübe Tasse. Die Leute sind wie von Sinnen. Kein Ende des Feierns ist abzusehen. Morgen beginnt erst das Hauptfest: Inti Raymi in Saqsayhuaman. 

Tagebucheintragung, Trujillo, den 2. August 2001  

Seit Stunden sitze ich am Cerro Blanco, an dessen Fuße die Sonnen- und Mondpyramide der Mochica Kultur steht. Vom ersten Augenblick an fühlte ich eine tiefe Verbundenheit mit dem Berg. Ich verstehe das Geheimnis dieses Berges. Ihm gefiel dieser Ort genauso wie er mir gefällt. Um hier zu bleiben, ging er eine Liason mit der Erde ein. Das war nur möglich, in dem er sich in einen Stein verwandelte und sich nicht mehr bewegte. Und so wurde er zu einem Berg. 
Eines der schönsten Geheimnisse der Schöpfung lautet, große Bewegung entstehe durch große Ruhe. 
Schneller als der Ruf bewegt sich der Berg in seiner tiefen, unersättlichen Ruhe. Schneller als das Licht bewegt sich auch der Baum, der Tag und Nacht an derselben Stelle steht. Durch seine Wurzeln ist er angebunden an einen Ort, während Millionen Menschen kommen und gehen. Schneller als das Licht fliegt der Geist eines Menschen in tiefer Meditation. Die Teile des Körpers, die Steinen gleichen, die Knochen, tragen das Kleid der Zeit, in deren Unsichtbarkeit. Lichtfäden schwingen, die jeder mit seinem Dasein webt. So sind Knochen, Berg und Baum verwandt. .. Die Knochen erzählen eine Geschichte des Menschen mit seinen Wurzeln. Wer seine Wurzeln nicht kennt, weiß nicht, wer er ist. 

Tagebucheintragung, Trujillo, den 21.9.2001

Heute beginnt in Norden Perus der Frühling, aber es ist bereits Sommer. Seit El Niño blühen die Pflanzen oft zweimal im Jahr. So eine Fruchtbarkeit der Erde habe ich noch nie erlebt. Ich erforsche mit Javier die Pyarmiden seiner Vorfahren. Es sind viele. Gestern gingen wir nach Pampa Grande. Dort weht seit Jahrtausenden nur der Wind. Eine merkwürdige Stimmung ist dort. Ständig werden wir von Falken begleitet. In den umliegenden Felsen der Pyramide war eine regelrechte Porträtgalerie versteinerter Riesen. Ein grimmiger, zahnloser alter Mann bewachte von der Bergspitze aus mit Froschaugen die Gegend. Andere Riesen waren im Tiefschlaf versunken. Alles schien ein Traum seit langer, langer Zeit zu sein. In der Pose, in der die Riesen erstarrten, sind sie heute noch. Hab an Dornröschen denken müssen und seinen tiefen Sinn. Die antiken Lichtvölker haben das Gebiet verlassen und seitdem hat sich von denen niemand mehr blicken lassen. Ich kam mir vor wie die Erste, die aus dem Tiefschlaf erwachte. 

Tagebucheintragung, Die freien Kühe von Batangrande, Peru 2002

1998 wüteten an der Pazifikküste Perus der El Niño . Ganze Lagunen flossen in den Anden über, nachdem es ungewöhnlich intensiv und heftig geregnet hatte. Im Tal ergossen sich die Wassermassen zu reißenden Strömen. Häuser und ganze Dörfer wurden überflutet. Zwar konnten die Bewohner rechtzeitig gerettet werden, doch eine Menge Tiere wurden dabei sich selbst überlassen. Ganze Viehherden ertranken in den Flüssen. Alle paar Meter wurden im Meer tote Schweine, Kühe, Ziegen, Hunde, Schafe, Füchse angeschwemmt. Als Javier und ich  2001 gemeinsam nach Batangrande gingen, einem Wildpark mit antiken Adobepyramiden, der  unter Naturschutz steht, war der El Niño längst abgeklungen und vergessen. Alte Gewohnheiten nahmen weiter ihren Lauf. Häuser waren schnell wieder aufgebaut und die Tiere vermehrten sich schneller als vorher. Zudem brachten die Überschwemmungen eine ungewöhnlich fruchtbare Erde, in der manche Früchte zwei- bis dreimal pro Jahr geerntet wurden. Die Pyramiden sind meistens nur noch Stümpfe. Ihre weichen Adobeziegeln waren durch die Überschwemmung zum Teil aufgelöst worden. In ihrer Umgebung wurde in antiken Gräbern das meiste Gold der Neuzeit gefunden. Die Gräber stammten von Javiers Vorfahren, den Mochicas. Bei unserer jetzigen Überquerung des Flusses La Leche, lag das Flussbett ausgetrocknet da. Wir wanderten ohne Probleme durch den trockenen Grund aus Sand. Am anderen Ufer tauchten wir in den Wald ein, der uns mit seinen wuchernden Bäumen verschluckte. Niemand war uns begegnet. Wir gingen eine Weile tief in den Wald hinein. Plötzlich gelangten wir an eine Lichtung, auf der Kühe weideten. Es war eine ganze Herde auch Ochsen, Kühen und Kälbern. Kaum aber hatte der Bulle uns erspäht, zuckte er erschrocken zusammen. Er muss Menschen hier nicht erwartet haben. Schnell flüchtete er im Galopp und alle Kühe folgten ihm auf dem Fuß. Sie waren so schnell von der Bildfläche verschwunden, dass ihre Anwesenheit einer Halluzination glich. Schnell liefen wir hinterher. Wir mussten durch den Dschungel uns einen Weg bahnen. Die Kühe waren außer Sichtweite. Noch nie in meinem Leben hatte ich Kühe so schnell rennen sehen. Außer frischen Dunghaufen, wies nichts auf ihre Anwesenheit hin. Ihre Spur fanden wir nicht mehr. Sie war verloren. Die Kühe waren wie vom Erdboden verschluckt.
„Lassen die Bauern ihre Kuhherden frei im Wald herumlaufen? wollte ich von Javier wissen. 
„Nein“, antwortete er „denn der nächste Bauernhof ist viel zu weit weg.“
„Wo kommen dann die Kühe her? Hast du schon einmal eine wilde Kuhherde gesehen?“
„Nein. Sie würden vom nächsten Besten getötet werden“, antwortete er. 
Am Rande des Waldes nahm uns auf der Rückfahrt ein Bauer in seinem Auto mit. 
„Was für eine Kuhherde?“, fragte der einheimische Bauer, als wir uns nach ihr erkundigten. Javier war vorsichtig genug, nicht allzu überzeugend zu wirken, um die Kühe nicht zu verraten. Er fragte auch Archäologen, die wir anschließend trafen und die mir dem Wald bestens vertraut waren. Sie gruben seit Monaten an einer Pyramide. Aber wen wir auch fragten, niemand hatte je dort eine Kuhherde gesehen.
„Sie gehören sich selbst“, stellte Javier fest. 
Scheinbar waren es überlebende Tiere, die der Fluss angeschwemmt hatte und die seit drei Jahren wild lebten. Im Chaos der Überschwemmung waren die Rinder sich selbst überlassen worden. An der gewonnenen Freiheit schienen sie Geschmack gefunden zu haben. Im Wald von Batangrande gab es genügend Weideplätze. Das Dickicht der Bäume bot ihnen Schutz. In der Herde konnten sie sich vermehren und waren gemeinsam vor anderen Tieren geschützt. Nur die Menschen konnten ihnen gefährlich werden. Im Umkreis hat jeder Campesino ein Gewehr. Die Kühe waren schlau genug, sich vom Menschen fern zu halten. Außer uns schien sie nie jemand gesehen zu haben. Sie kosteten die wunderbare Freiheit aus und waren weit davon entfernt, sich wieder in Gefangenschaft begeben zu wollen. Ihr Leben glich dem Tanz des Kolibris, dem Javier und ich eingeschlagen hatten, um ungezwungen die süße Kost des Lebens zu genießen. Nun wussten wir auch eine Herde Kühe an unserer Seite. 
Wie herrlich ist es, mit Menschen zu leben, die ich liebe, und die mir ihre Liebe erwidern. Wie herrlich ist es, frische Früchte direkt vom Baum zu essen. Wie herrlich ist es, jeden Tag die Sonne auf der Haut zu spüren. Wie herrlich ist es, Wasser aus einem Vulkan zu trinken. Wie herrlich ist es, sich oft in die schäumenden Wogen des Meeres werfen zu können. Wie herrlich ist es, die Sterne jede Nacht am Himmel zu sehen. Wie herrlich ist es, den Tag offen zu beginnen ohne ein Ziel vor den Augen zu haben, einfach in die Zeit wie ein Segelschiff im Wind zu gleiten. Wie herrlich ist es, bei Vogelgezwitscher zu erwachen. Wie herrlich ist es, die Blumen das ganze Jahr über blühen zu sehen.

Tagebucheintragung, Berlin, den 19.10. 2002

Der Himmel ist leer. Kein Wölkchen trübt mein Gemüt und die azurblaue Farbe der endlosen Weite ist undurchdringlich. Ich kann nicht an das andere Ufer, das andere Ende schauen. Was ich schaue, ist ein sattes, strahlendes Himmelblau, monochrom leuchtend ohne jede Trübung. In Berlin leben heißt, endlose Tage dahin nehmen im täglichen Allerlei, das einen aufzufressen droht, nur in später Nacht, wenn ich kurz vor dem Einschlafen bin, huschen schnell meine Träume und Wünsche vorüber, die die Geschäftigkeit und der Drang, zu überleben aus dem inneren Fokus wischen. Kein Windchen weht. Die Wasser stehen still. Nichts bewegt sich. Nicht das kleinste Lüftchen weht. Es scheint eine Totengruft zu sein, in der ich mich befinde. Alle sind an ihrem Platz und verharren  dort wie Statuen aus Stein. Es hat den Anschein, dass nur vom Himmel Bewegung kommt.  Die Klaviatur seiner Klänge kommt mir wie eine Widerspiegelung meiner eigenen Gefühlswelt vor, der Gefühlslage aller dieser Stadt – der Himmel als unser Spiegelbild. 

Tagebucheintragung, 23.1.2004 

Vor einiger Zeit bat ich den Großen Gott, mir ein Bild zu schicken, das mir aufzeigt, wo ich stehe und was gerade mit mir geschieht. Kurz darauf sah ich mich als kleines Mädchen vor einer riesigen Lichtblase stehen, die sich in meine Richtung ausdehnte. Ich war noch nicht im Licht. An der Stelle, wo ich stand, war es noch dunkel. Dunkelheit hüllte alles hinter mir ein. Darin war kein einziges Licht zu sehen. Doch im Vergleich zur Größe und Helligkeit der sich ausdehnenden Lichtblase, war der dunkle Teil eher gering. Ich stand an der Schwelle und schaute staunend in das mir offenbarende Spektakel. Ich machte nicht die geringsten Anstalten weiterzugehen. Im Gegenteil, überwältigt vom Anblick des Geschehens vor meinen Augen, blieb ich wie angewurzelt stehen und schaute neugierig in die Lichtwolke hinein. Ein Schritt nur trennte mich noch von ihr. Ein Schritt und ich würde im Licht verschwinden!

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, den 2.2.2004 

Zeit teile ich nicht in Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate und Jahre ein, sondern in Tiefe und Grad von Erlebnissen, die mich in Resonanz mit dem Unbekannten führen, welches in mir Schleusen öffnet. Die Zeit misst sich in der Erinnerung, denn es kommt nicht darauf an, einem Tag oder einer Stunde sich zu erinnern, sondern an das, was sie uns gebracht hat, was sie für uns bedeutet. Eine Stunde an einem x-beliebigen Tag kann für jeden Einzelnen etwas anderes bedeuten, obwohl es die gleiche Zeit ist. Genauso können drei Menschen, die sich ein und derselben Sache erinnern, ganz verschiedene Blickwinkel einnehmen, eben weil die Resonanz bei jedem verschieden ist und von den inneren Geschehnissen eines Menschen abhängt. Die Energien wirken auch dann, wenn wir uns nicht direkt erinnern können und das Wissen im Unterbewußtsein steckt.

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, den 7.5.2004 (Perú, Stimmen der Natur)

Ich bin eifersüchtig auf die Blinden. Ich, die Sehende, bin eifersüchtig auf die Nichtsehenden. Wie kommt es? 
Seit Stunden bin ich in einem großen, üppigen Garten mit allerlei exotischen Pflanzen und Getier. Ich halte die Augen geschlossen und höre dem Lied des Windes zu wie er mit seiner Kraft in die Bäume fährt, Zweige, Äste und Blätter bewegt und so ein weiches Rauschen entstehen lässt, mal zart, mal leise, mal aufbrausend, leidenschaftlich und kämpferisch. In diesem Meer an Tönen erschallen aus dem Hintergrund die Töne der Tiere, das Gezwitscher der Singvögel, das Jaulen der Hunde, das schrille Schreien der Gänse, das Grunzen der Schweine. Sie sind in der großen Melodie die gesungenen Stimmen, während die Bäume mit ihrem Rascheln den Grundton abgeben. Es ist, als würde draußen, außerhalb von mir, die Saite einer Harfe gezupft, deren Vibrieren durch das Inhalieren der Töne sich in mir fortsetzt, sodass sich Innen und Außen vereinen. Mein inneres Vibrieren und das äußere ist eins, eine Einheit – so gesehen, lässt sich die innere Natur, sein Wesen, am besten an den Tönen ablesen, mit denen ich mich vereine, sobald sie mein Inneres erreichen. Die Augen, die ich öffne, sehen dagegen etwas ganz anderes, eine Wahrnehmung, die den Tönen konträr gegenübersteht. Und ihr Wesen kann ich da nicht erkennen. Deshalb beneide ich die Blinden. 

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, den 8.5.2004

Das verlassene Selbst
Mein Geist verlangt nach einem starken Ausdruck. Die Kunst wird mir zu eng. Ich suche nach Ausdrucksmitteln, in denen ich ich selbst sein kann. Ich kann kaum noch an mir halten. Ich möchte meine große Kraft nicht länger verleugnen, nicht länger bettelndes Hündchen spielen. In Deutschland wird es mir zu eng. Achtzig Prozent der Menschen um mich herum sind Gefangene ihrer Angst. 

Tagebucheintragung, Campiña de Mochte, den 2. Februar  2013

Fotografie ist die Aneignung der Welt. Was wir nicht auf Dauer haben können, eignen wir uns mit einem Bild an. Wir möchten den Fluss und unser Vergehen darin anhalten, denn keine Welt existiert ohne das Fließen von Zeit. Zeit und Welt sind eins. Wir verlassen uns dabei auf die Augen. Sicher, der Fluss ist ein Teil von uns, jedoch nicht das, was die Augen sehen. Sehen beschränkt sich nicht nur auf die Augen. Es ist ganzheitlich. Augen täuschen. Wir sehen, was wir zu sehen glauben. Nicht, was ist.
Eines der schönsten Geheimnisse unseres Lebens lautet, große Bewegung entstehe durch große Ruhe.
Tief in die Augenblicke eindringen, sie bis zum Gehtnichtmehr auskosten, spielt eine wichtige Rolle bei der Zeit – neben Hingabe, Aufmerksamkeit und Liebe. Etwas aus vollem Herzen zu tun, ist Zeit. Das Herz verachtet Dinge, die ohne Anteilnahme geschehen, weil das Herz ganz und gar  in dem aufgehen möchte, was gerade geschieht. Der springende Punkt ist das Erleben. Nur was wir selbst erleben, gehört uns. Was uns gehört,  kann nicht verloren gehen. Alles, was gewesen ist, bleibt in Erinnerung, geht in neuen Momenten auf, vermischt sich und wird neu erlebt.

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, den 4.4.2013

In Calca (Gebiet von Paucartambo) bei Cuzco wurde im Februar 2012 ein riesengroßer Schädel im Nofretete Stil gefunden. Das Einzigartige daran war, dass es kein Mumienschädel war, sondern eines frisch Verstorbenen, also ein Schädel mit Haut und Haaren. Er hatte einen riesigen Hinterkopf. Alte Mumienschädel dieser Art gab es im Alten Peru massenhaft. Die Inkas ahmten diese Formen nach, wer immer sich hinter ihnen verbergen mag. Nachdem Bekanntwerden kamen sofort US-Amerikaner und nahmen den Schädel mit. Die peruanische Tageszeitung El Comercio berichtete allerdings über diesen Fund und veröffentlichte auch ein Foto. Rafael, der seit sechs Jahren in Ollantaytambo mit seiner Frau Rosemarie lebt, hat den Artikel in der Zeitung gelesen und hörte auch Einheimische darüber berichten. Seltsamerweise sah ich gerade einen solchen Kopf im Traum.
Rafael erzählte auch von merkwürdigen Lichterscheinungen in der Nacht. Eine Kugel in der Größe eines Fußballs kam in großer Geschwindigkeit direkt auf ihn zugeflogen während er auf dem Feld arbeitete, veränderte kurz vor ihm abrupt die Richtung und flog geradeaus weiter, veränderte abermals abrupt die Fluglinie, wiederholte mehrere Male dieses Manöver bis die Kugel den Berg hinab ins Tal flog. Rafael war komplett paralysiert. Er konnte weder laufen noch schreien. Auch seine Frau Rosmarie sah diese Kugeln, die einige Meter geradeaus flogen und ständig abrupt, im 90° Winkel, den Flugwinkel wechseln. Diese Lichtkugel war weiß. Es gibt aber auch blaue und grüne. Blaue und grüne fliegen langsamer. „Die weiße flog schnell“, sagen beide. Rosmarie, die oft allein mit dem Sohn auf dem 5.000 m2 großen Grundstück ist, geht sofort ins Haus, sobald die Lichtkugeln auftauchen. Sie hat Angst vor ihnen. Sie beobachtete die Lichtkugel täglich über lange Zeit. Auch die Nachbarn und andere Andenbewohner sahen sie. Die Kugenl fliegen tief auf Augenhöhe. In der Gegend, in der sie leben, sind sie völlig allein. Ihr Haus steht abseits von jeder Siedlung. Anfangs hatten sie nicht einmal Strom. Da können sie die Lichter gut sehen. Ollantaytambo ist ein heiliger Ort der „Götter“, an dem die Herzen der Inka-Könige begraben wurden. Ollantaytambo liegt im valle de sagrado, nicht weit von Machu Picchu entfernt. Sie leben in 3.500 Meter Höhe. Ich sah ebenfalls grüne und beige Kugeln in Peru, allerdings im Traum. Es waren Lichtkugeln, genauso wie sie Rafael und Rosmarie beschreiben.
Ein weiteres Phänomen in den Anden sind die Lichterscheinungen der Berge, in denen es Gold gibt. Es flammen vier Meter hohe Lichter auf., die von weitem in der Nacht leuchten. Gold und Silber entweichen Gase, die sich entzünden und in der Nacht brennen. Das Gas heißt Antimonio. Rosemarie, die in den Anden aufwuchs, sagt, sie könne diese Lichter jeden Tag sehen. Aber nur von weitem. Antimonio ist lebensgefährlich. Es ist eine Art Gift.

Zur Freiheit braucht der Mensch nur sich selbst. 

Die Mayas besaßen die Angewohnheit, bei der Begrüßung ihre linke Hand auf das Herz des Gegenübers zu legen und zu sagen: „Ich bin ein anderes Du selbst.“ Dieselbe Energie, die in mir fließt, fließt auch in dir, sollte damit zum Ausdruck gebracht werden.

Das Meer…
Stundenlang sitze ich man Meer und höre seiner Musik zu. Über Monate hinweg, jeden Tag. Es ist, als würden die Worte vom Wasser kommen. Als würde sein Hauch sie bringen. Auch die Erde besitzt diesen Hauch. Oder der Berg. Ich schreibe auf, ohne den Sinn zu begreifen. Später brauche ich Distanz und kühle Ernüchterung. Ich sitze vor dem Computer und starre auf den Bildschirm, hole tief Luft und beginne die Worte zu komponieren. Diese Komposition bedeutet eine ungeheure Konzentration. Ich vergesse, wo ich bin. Bin nur in den Worten. Wenn es kein Weiter mehr gibt, lasse ich die Sache ruhen und schaue die Wortspiele nach ein paar Tagen wieder an und erkenne plötzlich ihren Sinn. Er ist klar und deutlich erkennbar. Die Gedichte sind Reflexionen des inneren Stroms, in dem ich fließe. Irgendwann stoßen sie an die Oberfläche meines Bewußtseins. Das funktioniert so treffsicher, dass es mich verblüfft. Natürlich handelt es sich um einen Glücksfall, wo doch gewöhnlich nichts im Alltag so sehr verzerrt wird wie das eigene Selbst. Treffe ich mein Selbst, sprudeln die Worte ohne Anstrengung wie frisches Wasser aus der Quelle. Die Gedichte sind aus reiner Freude entstanden. Mögen die Schwermütigen höhnen und spotten, Licht ist nun mal leicht und schnell… Eine Schriftsprache kann dem großen Frequenzspektrum, in dem der Mensch lebt, nicht entsprechen. Es müsste eine Sprache sein, die Musik wird, in der die Wörter frei tanzen können, ohne Sinn und Verstand. Deshalb gefällt mir ein musikalischer Ausdruck der Sprache, weil er die Freiheit des Klangs in Worte kleidet. Spontan, unmittelbar, authentisch. In den Klängen können die Frequenzen nach Belieben gewechselt werden, doch eigentlich sollten sie nicht niedergeschrieben werden, sondern imaginär, intensiv zum Ausdruck kommen 

Die Wellen branden rauschend am Ufer des Meeres und begleiten mich Tag und Nacht mit ihrem Geräusch. Es ist sehr beruhigend. Ich liege am Strand, folge der Musik und Sprache des Wassers, begebe mich in die Musik hinein, bin ganz Welle, gleite kilometerweit in den Ozean und folge unabsichtlich der Quelle seiner Melodien. Unerreichbare Töne – weit, tief, offen reich. Wieviel Leben ist in diesen Tönen? Alle Arten Stimmen sind im Meeresrauschen verborgen. Unsichtbar gleite ich als rauschende Welle dahin, schäume, brause, umgarne, schmeichle, mache aus Einem Vieles und kehre zurück. Das Wasser kennt die Wege der Zeiten. Es spielt in meinem Blut. Jede Musik besteht aus Wellen endloser Gleichmäßigkeiten. Der Wellengang eröffnet mir das Wirken aller Töne. Das Wasser ist ein Membran, der bei kleinster Erregung erzittert und aufzeichnet und alle Energien mitreißen wird, die in Berührung mit seinen Wellen kommen, dort wieder einen Ton erzeugen und eine neue Welle. In großer Freiheit singend, in Weite schlafend und in Tiefe verweilend.

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, den 17. Mai 2013

Als ich 1993, vor zwanzig Jahren, nach Ägypten aufbrach, begab ich mich auf eine lange Reise, die heute noch anhält. Ich wusste nicht, daß vor langer Zeit berühmte Leute wie Solon von Athen dieselbe Reise unternahmen, „um mehr Unterricht über ihre Herkunft und Wurzeln zu bekommen“ wie er selber sagte. Er schaffte es nie, sein Wissen zu veröffentlichen, denn nach seiner Rückkehr war in Athen eine Revolution im gange und da er schon alt war, starb er darauf. Das Manuskript mit seinen Aufzeichnungen war nicht verschollen. Platon erfuhr davon. Er schrieb den Inhalt auf, der in „Kritias“ einging. So erfuhr meine Generation davon. Als ich nach Ägypten aufbrach, wusste ich nichts von Solon und hatte Platon nicht gelesen. Ziemlich schnell holte ich aber diese Unkenntnis auf, indem ich durchs Land reiste und mich an den alten Bauwerken bildete, was ungefähr auf dasselbe hinausläuft. 

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, Peru, 22. Dezember 2013

Meine fotografische Initiation
Es war ein Jahr, nachdem ich in Berlin angekommen war. Ich war neunzehn. Damals stand schon der Fernsehturm am Alexanderplatz. Zu seinen Füßen war ein Café, in dem ich oft verkehrte. Viele Journalisten waren dort, auch aus dem Westen. Es war an einem Frühsommer-Nachmittag, als ich gerade wieder auf dem Weg zum Café war. Es waren noch zweihundert Meter zu laufen, als gerade aus dem Café eine Frau mit drei Männern trat. Sie waren jung, allerdings nicht so blutjung wie ich. Die Frau hatte mehrere Fotoapparate um den Hals baumeln. Sie wirkte sehr feminin, hatte lange Haare und die Männer, die sie begleiteten, mochten sie. Sie behandelten sie mit einer Mischung aus Respekt, Spiel und Sinnlichkeit. Diese Menschen prägten sich tief in mein Gemüt ein. Sie wirkten weltgewandt und fein. Ich will so sein wie sie! durchschoß es meinen Kopf. Jahre später war ich wie sie. Aber da hatte ich sie längst vergessen. Im Rückblick kommt es mir so vor, als hätte ein Austausch unserer Energien stattgefunden, als hätte ich unbewusst ihre Kraft aufgenommen. Es reichte aus, an ihr vorbeizulaufen und mit Begeisterung ihnen zuzuschauen

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, Peru, 27. Dezember 2013

Es gibt Momente im Campina de Moche, da tauchen mitten am Tag Nebelfelder auf, die über dem Cerro Blanco und die Pyramiden ziehen. In der Ferne der Anden und des Pazifiks ist der Himmel klar und blau. Nur hier im Dunst des Nebels verhüllt sich die Sonne. An solchen Tagen schleichen sich in die Gedanken der Menschen seltsame Gebilde ein, die nachts von ihren Träumen noch verstärkt werden. Heulende Hunde geben den Chor für das Geisterspektakel ab, das die Menschen heimsucht, deren Häuser auf den Gräbern ihrer alten Vorfahren liegen, von denen sie jedoch nichts ahnen. Deshalb wurden sie Ahnen genannt, denn es existiert nur eine Ahnung von ihnen im Menschen. An solchen Tagen setzt das normale Bewußtsein aus. Der Baum vor dem Haus verwandelt sich in ein Wesen, das auf seine Weise spricht, ebenso der Berg, der viele Gesichter annimmt…

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, Peru, 2. Januar 2014

Ich merke unaufhörlich, nicht mehr richtig dazu zu gehören. Ich habe das Gefühl, als wäre ich nicht mehr da. Vor 1 ½ Jahren hatte ich mich aufsteigen, sterben und in einer höheren Dimension wiedergeboren sehen. Das war kein Traum. Seither habe ich mich völlig verändert. Ich bin froh, in der Stille zu sein, esse ich wie früher, fühle ich mich müde. Das Essen macht müde. Dagegen ernähre ich mich mehr und mehr von Wasser, Gemüse und Früchten. Allen Streit gehe ich aus dem Weg. Jeden Tag lasse ich meine Seele baumeln, egal wo ich bin. Der Tag zerstreut mich. In der Nacht bin ich glasklar. Gehen die Menschen schlafen, stehe ich auf. Wo die Menschen aufhören, beginne ich. Meine Seele mag es nicht, sich zu zerstreuen. Sobald ich Menschen mit negativer Aura treffe, werde ich müde. Auch in Situationen, die Stress machen.

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, den 16. Januar 2014 Weißer Kosmischer Spiegel

Heute war das Meer wie ein weißer Spiegel, in dem ich badete. Ich badete allein in weißen Meeresschaum eines Wildstrandes der La Ramada genannt wird. Der Strand war in Dunst und Nebel eingehüllt; entlang des Strandes lief ich in den Nebel hinein. Allein mit dem Meer zu sein, war ein erhebendes Gefühl. Javier und ich waren mit Sack und Pack, vielen Kindern, Müttern, Cousinen, Neffen Nichten, Onkel und Tanten in einem Kleinbus zum Meer gefahren. Die Männer fischten im Meer, was phantastisch aussah; der Reihe nach standen sie in den Wellen, die das Meer beim Branden in weißen Schaum verwandelte, während ringsherum die Wüste im Nebel verschwand. Sie fischten Krabben, Fische wie Chita und Algen. Ich hatte mich abgeseilt und war den Strand allein lang gelaufen, um allein im Meer baden zu können. Mitunter tragen Meeresströmungen Menschen weit ins Meer hinaus, wo sie ertrinken. Ein Onkel warnte Javier, dasselbe könne mir passieren und so folgte mir Javier mit seinem Bruder Carlos. Ich bin aber eine gute Schwimmerin. Das Meer ist für mich alles, genauso wie die Bäume. Das verleitet dazu, nie wieder in die Großstadt zurückgehen zu wollen. Nachdem Javier und Carlos mich fanden, liefen wir gemeinsam den Strand zurück. Hunderte von Careteros – Flitzer, Renner – liefen äußerst flinkfüßig, vom Meer kommend, den Strand hinauf.. Sie sahen wie kleine Miniroboter aus, wie die Marssonde der NASA, haben einen roten Panzer mit vielen gepanzerten Greifarmen, mit denen sie flink rennen, mit denen sie auch Löcher in den Sand schaufeln, um sich darin zu verstecken. Sobald Menschen auftauchen, verkrümeln sie sich in diese Löcher. Auf einer Strecke von mehreren Kilometern war der Strand voll von ihnen. Sie glichen einer Invasion, einer Armee von Miniaußerirdischen, die das Land in Besitz nimmt. „Die Careteros fressen gestrandete Fische, die als Leichnam herumliegen“, sagte Javier, als wir an einem toten Fisch vorbeilaufen. Ungefähr zwanzig dieser Krabben laben sich an seinem toten Fleisch. Kaum nähern wir uns, stieben sie in alle Himmelsrichtungen auseinander. Nur einer von ihnen bleibt, weil er genüsslich die Augen geschlossen hält und sich mit der rechten Krebsschneide sich das Fleisch in den geöffneten Mund stopft. Sein Mund ist leicht geöffnet am unteren Teil des Krebspanzers. Da er höchstens zweimal drei Zentimeter groß ist, mutet sein Anblick höchst seltsam an. Wir schauen seiner genüsslichen Mahlzeit zu und lachen. Das Geräusch lachender Menschen entgeht ihm nicht. Seine Augen sind außerhalb des Panzers. Ein Auge wird nach oben gefahren und öffnet sich. Sofort öffnet sich auch das zweite. Kaum erspäht er uns, unterbricht er seine Mahlzeit und rennt, von Schreck getrieben, davon. Seine Augen klinkte er nach oben wie die Arme eines Roboters. Sein Rennen sieht bei seiner Minigröße lustig aus, besonders wenn Hunderte von ihnen gemeinsam in dieselbe Richtung rennen. Javier hatte diese Krebs früher roh gegessen. Sie zappelten noch in seinem Mund, als er begann, ihren Panzer mit den Zähnen zu zerbeißen… Den Tag werde ich nicht vergessen. Allein im weißen Schaum der Brandungswellen zu schwimmen, während zwei Wellenkämme vor mir ganze Pelikan-Schwärme entlang fliegen, gab mir das Gefühl, in einem lebendigen Spiegel zu sein, der mich durch eine Nebelwand auf die andere Seite des Seins brachte. Dieser Augenblick hatte einen Zauber, den ich aus Märchen kenne. 

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, den 2. März 2014 

Gestern war ich am Meer. Meine Gedanken trugen mich an andere Orte und zu anderen Menschen. Wenn du am Meer bist, denk nicht an die Vergangenheit, denk nicht an die Zukunft, denk auch nicht an einen anderen Ort oder an eine andere Zeit. Mach, was gerade ist: bade, schwimme, sei! Gib dich dem Meer hin! Fotografier es nicht, denk nicht, wie es sein könnte, im Meer zu schwimmen, sondern schwimme, sei hundertprozentig Jetzt und Meer! hörte ich eine innere Stimme. Mit wem ich meine Zeit teile, teile ich auch mich selbst. Wohin meine Aufmerksamkeit fließt, fließe auch ich. Was da fließt, ist Lebenskraft. Ihr Fließen drückt sich in Zeit aus. Zeit hat etwas mit mir selbst zu tun. Zeit will nicht gezählt, sondern erlebt sein. Wer Zeit zählt, zählt den Tod. Zeit und Tod sind ein Paar. 

Tagebucheintragung, Campiña de Mochte, den 22. April 2014

Wir gingen vor zwei Tagen (Ostersonntag) mit drei Deutschen zum Playa La Ramada, dem Wildstrand, der mir so gut gefällt. Das Wasser war zwar aufgepeitscht von großen Wellen, doch ging ich trotzdem hinein. Nebelschleier verließen wieder das Meer und zogen ins Landesinnere. Am nächsten Morgen war der Cerro Blanco in Nebel eingehüllt. Der Nebel hat es in sich. Ich lief am Strand allein durch die Nebelschleier. Vor mir waren riesige Schwärme an Möwen. So sehr ich auch lief, die Möwen waren immer vor mir. Sie waren Teil dieser mystischen Strandlandschaft, die mich gedanklich nach Avalon versetzte; sie wirkte wie ein Übergang in eine andere Welt, was sie sicher auch war, denn ich begann meine magischen Gesänge, die ich in der Cheops- Pyramide vor langer Zeit angestimmt hatte. Zuweilen bekam ich eine völlig andere Wahrnehmung, die sekundenlang anhielt. Hätte sie länger angehalten, wäre ich weg gewesen. Ich spürte es an den Möwen, die immer vor mir waren, obwohl ich lief und lief. Sie schienen mich zu locken. War ich nahe der Möwen, flog ein Teil auf und positionierte sich vor mir weiter vorn. In den Nebelschleiern war eine völlig andere Energie. Es war Bewußtsein, aber anderer Art. Wie gern hätte ich ein Pferd gehabt und wäre nackt durch die Nebelschleier geritten!
Es ist nicht wichtig, was passiert, sondern was ein Erlebnis auslöst, ist wichtig. Beispielsweise kann ein zufälliger Blick auf etwas, das am Herzen liegt, Großes auslösen.

Tagebuch „Die Seele hat einen Menschen“, Marseille, den 22. Juni 2019

Auf meinem Photo sieht man in der Mitte ein blutverschmiertes Schutzschild, das der Polizist mit einer Brille in der Hand trägt. Das Polizeiaufgebot, das heute die Demonstranten in Marseilles begleitete, war bedrohlicher als die Menschenmenge. Am meisten verwunderte mich die Tatsache, daß die Demonstranten Franzosen waren. Auch die Polizisten waren Franzosen. Absurder geht es kaum. Offensichtlich sind die Franzosen die größten Feinde der Franzosen. Genauso wie bei uns die Deutschen, da Deutsche gegen Deutsche kämpfen. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, sagt ein deutsches Sprichwort. Die Ausländer machen im Hintergrund, was sie wollen. Ich mache es ihnen nach. Marseille hat viele Ausländer aus Kolonien wie Algerien und Senegal und gilt als Stadt mit der höchsten Mordrate. Trotzdem fühle ich mich wohl hier. In dieser Stadt macht Essen richtig Spaß. Heute morgen ging ich zum Arabermarkt. Jetzt aale ich mich auf der Couch, esse Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche und Melonen gleichzeitig. Die Wohnung liegt in der südlichen Altstadt, dem Hügel hinter dem Hafen. Ich laufe fünfzehn Minuten bis zum Meer. Dabei muß ich durch das Araberviertel. Ich finde es klein und harmlos im Vergleich zu den türkischen Vierteln in Berlin. Die Franzosen und ihre Polizei möchten ihren Anspruch auf Macht präsentieren. Sie waren derartig schwerbewaffnet, daß sie wie Roboter erschienen mit schußsicheren Westen, Granaten, Maschinengewehren, Helmen, Schutzschilden, Gesichtsmasken, Stiefeln, Gamaschen, Schlagstöcken etc. Sie waren diejenigen, die bedrohlich aussahen, nicht die Demonstranten. Sie waren supergut ausgerüstet. Drückte jemand auf den Knopf, bewegten sie sich wie eine geklonte Armee. Deshalb nahm ich die Polizisten und nicht die Demonstranten auf. Ich spüre, daß die Franzosen die Lage in den Griff bekommen und das alte System verteidigen wollen. Aber ehrlich gesagt gibt es kaum noch jemanden, der vom alten System profitiert. Was gibt es da zu verteidigen? Was die Ausländer anbelangt, sind die Franzosen selbst schuld an der Lage. Als Kolonialmacht zerstörten sie die Länder in der Welt (mit den Engländern, Spaniern, Portugiesen und Holländern) mit der Folge, daß die Eingeborenen nun zu ihnen kommen. Mir hat schon immer die südfranzösische Lebensweise gefallen. Sie ist die reichste Europas. Logisch, daß das die Ausländer auch kapieren.

 

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, Peru, 10. Februar 2021, WEM DIENT ES?

Tagebucheintragung, Campiña de Moche, Peru, 17. Mai 2021

Im Jahr 2001 sah ich in Peru das erste Mal einen Vogel namens Tordofino. Er fiel vergiftet vom Baum, als Javier und ich zufällig vorbeikamen. Javier hob ihn auf und nahm ihn mit ins Haus seiner Mutter Doña Rosa, wo er ihm durch seinen Schnabel Öl infiltrierte, damit er das Gift ausspeien konnte. Anderntags flog der Vogel davon. Seitdem Javier und ich auf der Hacienda Villa El Olivo des Campiña de Moche leben, begleiten uns neben Falken, Geiern, Kolibris, Papageien, Kanarienvögeln, Nachtigallen auch Tordofinos. Mit ihrem schwarzen Federkleid sehen sie ein wenig wie die europäischen Amseln aus, haben aber einen viel kräftigeren Gesang. Fast jeden Morgen wecken sie Javier und mich aus dem Schlaf, indem sie ans Fenster fliegen, das zumeist offen steht, sich mit Luft aufblähen und singen. Gewöhnlich sind es zwei. Da ihr Gesang laut ist, werden wir sofort wach. Schläft einer von uns in einem anderen Zimmer, folgen sie uns dorthin, um uns zu wecken. Sie kommen auch ans Bad-Fenster, das ohne Scheiben ist. Von dort dringt ihr Gesang zu uns ins Bett. Sobald wir die Tür öffnen, fliegen sie davon. Zu einer Kommunikation besonderer Art sind nun ihre Federn geworden, die sie im Bad hinterlassen. Ich fange an, sie aufzulesen und zu einem Bild zusammenzustellen. Die hinterlassenen Federn klebe ich Tag für Tag in mein Tagebuch. Nun fehlt mir noch eine große Feder! denke ich. Kaum öffne ich die Badetür, schon sehe ich eine große Feder auf dem Fußboden liegen. Woher weiß der Todofino, daß mir seine Federn gefallen? So gelingt mir in den letzten Wochen eine kleine Federsammlung. Die Tordofinos fliegen auch in die, separat vom Haus liegende, Küche, die mitten im Garten sich befindet. Dort picken sie mit Vorliebe Bananen und Papayas an. Wir ernten gerade riesengroße Bananen, die wir auf mehreren Tellern in der Küche auslegen. Die obersten haben in der Schale stets Löcher. Sie picken die Schale auf und dringen dann zum Fleisch vor. Sobald sich jemand von uns der Küche nähert, fliegen sie auf den nächsten Baum und warten, bis die Luft wieder rein ist. Neben Tordofinos bedienen sich auch Täubchen an unseren Früchten. Nachtigallen bauen ihr Nest im Küchenregal. Als die Jungen flügge wurden, sang die Mutter zum Abschied ein Nachtigallen-Lied. An der Westseite der Hacienda befindet sich eine grüne Wiese mit einem rechteckigen Tisch, auf dem wir unser Frühstück einnehmen. Blumen aller Farben und gelbe Maracujas umranken ringsherum Mauern und Bäume. Tordofinos picken am verlassenen Frühstückstisch regelmäßig die Brotkrumen weg. Manchmal genügen ihnen die Reste nicht mehr und sie machen sich über unser ganzes Frühstück her, beispielsweise unserem frittierten Kürbis. Des öfteren war ich kurz in die Küche zurückgegangen, die sieben Meter entfernt liegt. Bei der Rückkehr sah ich einen Tordofino aufgescheucht vom Tisch fliegen. Obwohl die Vögel uns kennen, halten sie stets Abstand.
Zu dem, im Bett liegenden Rodolfo allerdings, flog ein Tordofino mehr als ein Jahr lang jeden Tag ins Zimmer, setzte sich auf seinen Mund und „küßte“ ihn mit seinem Schnabel, um mit ihm zu spielen, rumorte in seinem Mund und legte sich auf Hals und Brust. Als Rodolfo einmal nicht da war, erschlug seine Ehefrau den Tordofino, weil sie diese Nähe für Spuk hielt. Einem Kondor, der dem Gelderwerb eines Zirkus-, Zoo- und Restaurantbesitzers des Dorfes diente, hat ein ähnliches Schicksal ereilt. Der Zoobesitzer ist ein Dichter, der aus Geldmangel mich bat, ihn zu unterstützen. Einmal pro Woche gehe ich mit Hühnerschenkeln zum Kondor. Als der Dichter seinen Zoo aufgeben muß, kommt der Kondor in ein nahegelegenes Restaurant. Kaum will ich ihm dort einen Hühnerschenkel geben, fährt mich die Restaurantbesitzerin an, sie brauche keine Hilfe. Ein Jahr später erfahre ich aus der Dorfzeitung, daß der Kondor im Restaurant verhungert wäre. 
Es gab Zeiten, da betteten sich Singvögel aller Art in unserer Araukanie zur Nacht, dem höchsten Baum des Dorfes.
Die Vögel flüchten aus denselben Gründen auf die Hacienda, wie ich: der Verseuchung der Welt. Manche Arten verschwanden, wie das rote Vögelchen, das als Glücksbringer unter den Mocheros galt. Im Dorf werden Bäume gefällt und Felder mit Pestiziden versprüht. Nach der Verseuchung der Welt, beginnen die Menschen an einer Seuche zu sterben. Statt daß die Gesunden froh sind, lassen sie sich mit Chemie spritzen, um resistent gegen die Seuche zu sein. So nimmt die Verseuchung weiter ihren Lauf. 
Neben Vögeln machen sich auch Drachen, Echsen und Hurones (Riesenratten) über unsere Früchte an den Bäumen her. „Hurones und Drachen sind uralte Gesellen, die sich bei Gefahr tot stellen. Ist die Gefahr vorbei, rennen sie davon“, sagt Javier. (Das Walforscher-Ehepaar Lorenz aus Düsseldorf berichtet, daß einst aus einer Mutation der Hurones die Wale hervorgingen). Als vor einem Monat der Hund Azus mit dem Drachen kämpfte, brach der Drache zusammen. Zunächst dachte ich, er sei tot, aber am nächsten Morgen war er verschwunden. Javier sichtete ihn kurz darauf im Guanabana Baum. Er frisst auch gern unsere Maracujas.

Tagebucheintragung Berlin, den 25.April 2022

Eine voreingenommene Gesellschaft mit voreingenommenen Kunstverwaltern, die abhängig von ihren Geldgebern sind, kann keinen wahrhaftigen Blick auf die Kunst ihrer Gegenwart werfen. Ich gehe davon aus, daß in der Kunstgeschichte die nachfolgenden Generationen einen authentischeren Blick haben. Unter dem Sammelbegriff „Kunst“ werden eine Unmenge verschiedener Gattungen und Sichtweisen in einem Topf geworfen. So sehr ich Verschiedenartigkeit mag, so sehr verwirrt sie in dem Moment, wo geistige Positionen kaum noch erkannt, mitunter verleugnet oder unterschätzt werden. In meinen Augen spielt die Selbstverleugnung in unserer Generation eine große Rolle. Mein Leben lang habe ich um Authentizität, Unbekümmertheit, Unschuld gekämpft, während sich zur gleichen Zeit eine Menge Künstler von Ideologie vereinnahmen ließen. Da, wo sie wirkt, bin ich nicht da. Mir geht es um das Selbst in einer Zeit, in welcher wir kaum noch selbst sein dürfen, weil das Selbst in einer materialistisch definierten Lebensweise nur auf äußere, sichtbare Dinge festgelegt wird und die Wissenschaftler, nach denen sich die Menschen richten, kein Verhältnis zu einer absoluten Größe des Bewußtseins haben. Unser Bewußtsein ist nun mal kosmischer Natur und entstammt einer Urquelle, aus der alles fließt. Aristoteles und Platon nannten sie „den bewegungslosen Beweger“. Es gibt nur ein Bewußtsein, das sich in jedem anders ausformt. Das wahre Selbst ist dasselbe wie das absolute Bewußtsein. Es ist das Selbst eines Menschen, der zur unendlichen Quelle gefunden hat. Malerei ist ein Indikator für Bewußtseins-Erweiterungen. Dieser Aspekt interessiert mich an der Kunst und bei Künstlern, die mehr oder weniger den Weg einer Bewußtseins-Erweiterung gingen. Wir befassen uns in der Regel mit der 2. und 3. Stufe von Bewußtsein und lassen die 1. außer acht. Der bewegungslose Beweger ist die absolute Quelle, aus der das Sein fliesst (1. Stufe). Energie ist Bewußtsein in Bewegung (2. Stufe) und Materie ist kristallisiertes Bewußtsein – Materie (3. Stufe). Indem wir die 1. Stufe ignorieren, leiden wir alle unter Selbstverleugnung…

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