WIENER CAFÈ
WIENER CAFÈ
KÜNSTLERSZENE UFERLOS / 1977-88 / PHOTOGRAPHIERT VON GUNDULA SCHULZE ELDOWY
Als 1983 amerikanische Atomraketen Pershing II und Cruise Missiles in Westdeutschland stationiert wurden (und die immer noch in Rheinland-Pfalz gelagert werden), trafen sich in einem kleinen Ostberliner Café der Schönhauser Allee Künstler aller Gattungen, um sich gegenseitig auszutauschen. Im Prenzlauer Berg hatten sich viele Künstler niedergelassen, die aus dem ganzen Land nach Berlin strömten, um mit Gleichgesinnten eigene Ausstellungen, Lesungen und Events zu organisieren, die unabhängig von der staatlichen Zensur funktionierten. Bald entwickelte sich daraus eine Kaffeehaus-Kultur im Stil des Café des Westens oder des Pariser ROTONDE, in welchen sich Künstler wie zuhause fühlten. Mag die Szene auch von der Stasi unterwandert gewesen sein, so ist das Aufbegehren gegen Ideologie und Begrenzung wichtiger gewesen. Es war die Zeit, in der wir die Wahrheit über Stalins Gulags erfuhren, in der ich Ilja Ehrenburg, Dostojewski und Jessenin verehrte, in der ich mich für die amerikanische Photographie von Diane Arbus und Paul Strand begeisterte und in der ich 1985 schließlich Robert Frank in Ostberlin kennenlernte. Der Status Quo Berlins regte meine Kreativität an. Auch der französische Photograph Henri Cartier Bresson wurde mein Vorbild. Tagsüber photographierte ich Berlin in einer Hundenacht, Pfarrstrasse, Tamerlan, Aktportraits und Der Wind füllt sich mit Wasser. Abends saß ich mit meinem Westberliner Freund Ingolf Hoppmann im Wiener Café. Wir waren ein Ost-West-Berliner Liebespaar. Er schmuggelte die Briefe von und an Robert Frank über die innerdeutsche Grenze, weil die staatliche Post kontrolliert war. Das Wiener Café war eine Schaltzentrale der Mund zu Mund Propaganda. Wer hatte wo eine Ausstellung? Welche Dichter hatten wann und wo eine Lesung? Wer hatte gerade einen Ausreiseantrag gestellt und wer war gerade in den Westen ausgereist? Wer war von der Stasi verhört oder verhaftet worden? In Windeseile verbreiteten sich Neuigkeiten. Einladungen, Bücher, Kunsteditionen, Mappen und Manifeste wurden selbst verfaßt, gedruckt und verteilt. Als Photographin bekam ich als Lohn für meine Arbeit oft Kunstwerke im Austausch. Joachim Conrad war der erste Maler, der mich 1977 porträtierte. Sein Atelier lag im Fabrikgebäude eines ehemaligen Hundesalons auf dem 2. Hinterhof der Lychener Straße 6. Gegenüber lag das Keglerheim Fengler, dass ebenfalls ein Künstlertreff war. Heute gibt es diese Orte nicht mehr. In den Räumen des Wiener Cafés befindet sich ein asiatisches Restaurant.
Gundula Schulze Eldowy